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"Alkoholkrank und Gehörlos – "wie auf dem Nebengleis"

Leipzig

Suchtberatung für hörgeschädigte Menschen in Leipzig bundesweit einmalig

Wenn sie sich freut, formt ihr Mund ein breites Grinsen. Hat sie sich über jemanden geärgert, steckt sie ihm auch schon einmal die Zunge heraus. Sabines Gesichtsausdruck verrät viel über ihre Gefühle und ihre Gedanken. Muss er auch, denn Sabine ist gehörlos und kommuniziert vor allem durch Gestiken der Hände und die Mimik des Gesichts mit anderen. In der Blaukreuz-Gruppe für suchtkranke, hörgeschädigte Menschen in Leipzig trifft sie sich wöchentlich im "Blauen Café" mit Gleichgesinnten.

Die rund 15 Teilnehmer des Gesprächskreises waren entweder selbst abhängig oder sind Angehörige eines Suchtkranken. Sie treffen sich, um sich miteinander zu unterhalten, um zu klönen und persönliche Probleme zu besprechen. Für einen Spaß ist auch Sabine immer zu haben. Die Frau mit den langen Haaren und den dunklen Augen strahlt Lebensfreude aus. Doch das war nicht immer so, sie kennt auch Krisenzeiten in ihrem Leben. Zum Beispiel als ihr Sohn an Krebs starb und sie selbst arbeitslos wurde. Mit Alkohol hat sie versucht, die Erinnerungen und Sorgen vergessens zu machen.

Einziger Unterschied: Gehörlose Menschen müssen beim Reden einander anschauen. Will jemand während des Gesprächskreises die Aufmerksamkeit auf sich lenken, haut er auf den Tisch und die anderen spüren die Vibrationen des Schlages. Oder sie machen sich durch gegenseitiges Berühren aufeinander aufmerksam.
So fasst Sabine Ellen an der Hand, wenn sie ihr sagen will: "Komm, lass uns nach draußen gehen." Gemeinsam gehen die beiden Frauen nicht einfach nebeneinander her auf den Hof, sondern sie haben einen Blick füreinander, stoppen unterwegs, schauen einander an und kommunizieren durch blitzschnelle Handbewegungen und ausdrucksstarkes Mienenspiel.

Kerstin Rudolph


Mangel an Angeboten für suchtkranke, gehörlose Menschen

Schätzungsweise gibt es in Deutschland 2.500 suchtkranke, gehörlose Menschen. Diese Zahl beruht auf der Annahme, dass 80.000 Deutsche gehörlos sind und durchschnittlich reichlich drei Prozent der Bevölkerung Alkoholprobleme haben.

Dem gegenüber gibt es für die Betroffenen nur wenige Beratungs- und Therapieangebote. Das Suchtberatungsangebot des Blauen Kreuzes in Leipzig ist bundesweit einmalig. Angelika Gorn, hörend, und Marianne Bormann, gehörlos, haben im Jahr 2005 mit Hilfe der Gebärdensprache 36 Klienten über Sucht informiert und ihnen bei Alkoholproblemen geholfen. 2004 waren es noch etwa doppelt so viele. Der Rückgang liegt nicht etwa an der mangelnden Nachfrage, sondern daran, dass der Stellenanteil für Gehörlose in der Beratungsstelle gekürzt wurde.

Die Blaukreuz-Gruppe in Leipzig wurde 1993 gegründet – zunächst mit vier Teilnehmern; derzeit kommen rund 15 Besucher. Sie ist eine von bundesweit zwei Selbsthilfegruppen des Blauen Kreuzes für suchtkranke, hörgeschädigte Menschen an. Die andere Gruppe trifft sich in Münchingen bei Stuttgart.

Blaukreuz-Gruppe für Hörgeschädigte
Blaukreuz-Gruppe für Hörgeschädigte in Leipzig


Angelika Gorn mit Gruppenleiter Joachim
Angelika Gorn mit Gruppenleiter Joachim

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