Leseprobe November 2008 |
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Unser Leben ist eine Summe von Trennungen, gewollten oder ungewollten, verschuldeten oder erzwungenen, heilsamen oder tragischen. Es ist ein immerwährendes Abschiednehmen und Loslassen von Menschen, von Orten, von Zeiten, von Idealen, von sich selbst.“ Dieses Zitat von Hans-Jürgen Schultz macht deutlich, dass Verlusterfahrungen und die damit verbundene Trauer untrennbar mit unserem Leben verknüpft sind.
Die Trauer meldet sich nicht nur im Zusammenhang mit Sterben und Tod, sondern bei allen Lebenssituationen, in denen wir einen Verlust erleiden. Trauer wird zu einer fast alltäglichen Lebenserfahrung, die im Erleben aber nicht alltäglich ist. Zeiten der Trauer sind immer Grenzsituationen, die unseren Lebensrhythmus aus dem Takt geraten lassen.
Trauer ist eine angeborene, natürliche Fähigkeit, uns von unserem Schöpfer mitgegeben, damit wir alle Situationen von Trennung, Verlust und Abschied angemessen verarbeiten können. Sie ist eine lebensnotwendige Reaktion, die uns hilft, die Not und den Schmerz in eine Kraft zu wenden, mit dem erlittenen Verlust weiter leben zu können. Verschließen wir uns der Trauer, dann schließen wir eine elementare Fähigkeit unseres Lebens aus, und streng genommen bedeutet Verweigern eine Auflehnung gegen die Schöpfungsordnung Gottes und die uns verliehene Gabe der Trauer.
Welchen Trauersituationen begegnen wir? Im Laufe unseres Lebens werden wir mit vielen unterschiedlichen Trauerereignissen konfrontiert.
Alles Leben vollzieht sich prozesshaft zwischen Werden und Vergehen. Auch das menschliche Dasein ist diesem Wandel unterworfen. Wir durchschreiten eine Abfolge von einzelnen aufeinander bezogenen Lebensphasen, die im vorgeburtlichen Stadium beginnen. Die Geburt leitet die Stufe der Kindheit ein. Die sensible Lebenszeit der Pubertät führt hinein in die lange Phase des Erwachsenseins. Diese mündet über die Midlife-Crisis in die Zeit des frühen und späten Alterns.
Auf diesem Entwicklungsweg sind wir ständig genötigt, Phase um Phase zu verlassen, um die nachfolgende Lebensstufe zu erreichen. Diese Übergänge sind biologische Krisenzeiten, auch Reifungskrisen genannt, die Abschiedssituationen darstellen. Wir müssen Altes, Gewohntes, Gelebtes und auch Ungelebtes loslassen und erfahren das vielfach als schmerzlichen Verlust.
Die Entwicklungspsychologie beschreibt für jede Lebensphase spezielle Entwicklungsaufgaben, die zu bewältigen sind. Ist das nicht oder nur unzureichend gelungen, nehmen wir dies als unerledigte Last mit, was das Loslassen erschwert. Statt uns den neuen Aufgaben stellen zu können, spüren wir ein Defizit und bleiben in Erwartungen an das Leben stecken.
Der Tod eines geliebten Menschen reißt eine Lücke, wir müssen loslassen und Abschied nehmen. Gute Beziehungen brechen auseinander und Paare stehen am Ende eines voller Hoffnung begonnenen gemeinsamen Weges. Dieses Ende bedeutet Trennung, Scheidung. Da verliert jemand plötzlich seinen Arbeitsplatz und damit nicht nur seine materielle Sicherheit. Ein Umzug nötigt zum Loslassen der gewohnten Umgebung mit ihren sozialen Bindungen. Der Verlust der körperlichen und seelischen Gesundheit trifft uns unerwartet und verändert unsere Lebenssituation.
Ideelle Verluste greifen in unser Leben hinein und beeinflussen unser Verhalten und Erleben, ohne dass wir dies immer bewusst wahrnehmen. Lebenspläne, voller Hoffnung entworfen, zerbrechen, gesteckte Lebensziele werden nicht erreicht. Zurück bleiben nicht gelebte Möglichkeiten, Erwartungen, Hoffnungen und unerfüllte Träume. Tradierte Werte verlieren ihre Bedeutung. Bilder von Ideal-Eltern, Ideal-Partnern, Ideal-Kindern werden zerstört. Auch Gottesvorstellungen können ins Wanken geraten.
Ein Mensch, der solche Trauersituationen erlebt, wird in allen Bereichen seiner Persönlichkeit erschüttert. Sein psychischer und sein physischer Zustand sind gleichermaßen betroffen. Sein Seelenhaushalt gerät aus den Fugen. Verzweiflung, Angst, Wut, Zorn, Auflehnung, Schuldgefühle, Sehnsucht, Liebe und anderes mehr bestimmen sein Leben und beeinträchtigen sein emotionales, geistiges und körperliches Befinden.
Ein trauernder Mensch zeigt vielfach Krankheitssymptome wie Konzentrationsmangel, Vergesslichkeit, Schlafstörungen, physische Schmerzen, Appetitlosigkeit, Antriebsschwäche, Erschöpfung und eine generell erhöhte Krankheitsanfälligkeit. Er ist jedoch weder körperlich krank, noch ist sein verändertes Verhalten der Beginn einer psychischen Störung. Solches Erleben führt den Trauernden immer in eine Lebenskrise, in der gewohnte Lebensinhalte und Zielvorstellungen in Frage gestellt werden.
Eine Krise (griech.: Scheidung, Zwiespalt, Streit, Entscheidung) gleicht einer Schnittstelle des Lebens, die eine Verbesserung oder eine Verschlechterung nach sich zieht. In der Medizin ist dieser Begriff ein Fachausdruck, der den Höhe- bzw. Wendepunkt einer Krankheit bezeichnet. Eine Trauerkrise nötigt den Menschen zur Entscheidung, sich der Trauer zu verweigern oder sie anzunehmen.
Erika Kochsiek-Sticht Trauerbegleiterin, Psychologische Beraterin und Seelsorgerin (KSA)