Leseprobe Oktober 2008


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Vergebung empfangen – Vergebung schenken

Belastende Schuld erkennen und loswerden

David wollte alles verdrängen, wo er schuldig geworden war, er wollte nicht darüber reden, es sollte nicht nach außen dringen und so bewahrte er seine ganze Schuld in sich selber auf. Es war für ihn eine riesige Anstrengung, das Unrecht so geschickt zu verbergen, dass keiner dahinter kam. Und dann kam dieser Tag, den er so schnell nicht wieder vergessen sollte.

Ein Bote Gottes erzählt ihm eine Geschichte, in der viel Unrecht geschieht. David ist zornig über all die Ungerechtigkeit, die in dieser Geschichte beschrieben wird, und er will den Menschen, der so ungerecht handelt, ganz schnell verurteilen. Doch dann kommt die Ernüchterung, als er plötzlich erfährt, dass diese Geschichte seine eigene Geschichte ist, das Verhalten des beschriebenen Mannes sein Verhalten ist. „Du bist der Mann!“ (2. Samuel 12, 1 – 14)

Gerne verdrängen wir die Wahrheit unseres Lebens. Manchmal scheint es auch so, als ob uns dies gut gelingt, aber welche Kraft kostet es uns und welche Folgen müssen wir tragen? In Psalm 32 beschreibt David diesen Zustand: „Als ich es wollte verschweigen, verschmachteten meine Gebeine.“

Die schöne Fassade, die nach außen hin noch aufrechterhalten wurde, verdeckte eine ganz tiefe Not, die letztendlich das eigentliche Leben zerstörte. Die Kraft, die wir brauchen, um unsere Schuld zu verbergen, ist die fehlende Energie, die unser Leben vorwärts bringen kann.

Lähmende Schuld

David erfährt in wunderbarer Weise Seelsorge. Eine Seelsorge, die das Thema Schuld nicht ausklammert, die Sünde beim Namen nennt und die Möglichkeit zur Vergebung eröffnet.

Wer in seiner Schuld gefangen ist und sich nach echter Befreiung sehnt, braucht den schützenden Rahmen der Seelsorge. Er braucht einen Raum, in dem er seine Schuld nicht länger verdrängen muss, er braucht einen Raum, wo er auch die Dinge ansprechen darf, die er bisher immer verheimlicht hat. Das Verborgene darf endlich ans Licht kommen und muss nicht mehr verschwiegen und versteckt werden.

Dietrich Bonhoeffer sagt: „Wo Sünde bekannt und vergeben wird, dort ist der Bruch mit der Vergangenheit vollzogen.“ Bedenken wir: Schuld belastet, Schuld macht unfrei, Schuld macht einsam, aber es gibt einen der sagt: „Wenn wir unsere Sünden bereuen und sie bekennen, dann dürfen wir darauf vertrauen, dass Gott seine Zusage treu und gerecht erfüllt: Er wird unsere Sünden vergeben und uns von allem Bösen reinigen“ (1. Johannes 1, 9) .

Entlastende Vergebung

Vergebung empfangen heißt: Wir erkennen unser Versagen, wir bekennen unsere Schuld vor Jesus Christus. In Situationen, in denen wir es alleine nicht schaffen, mit unserer Schuld zu Jesus Christus zu kommen, können wir auch vor einem Menschen unseres Vertrauens, einem Seelsorger, alles Belastende aussprechen und durch ihn den Zuspruch der Vergebung Gottes hören und empfangen.

So wie wir Menschen schuldig werden, so werden auch andere an uns schuldig. Gerade in den vielen Gesprächen in unseren Blaukreuz-Gruppen treffen wir immer wieder auf Menschen, die mit tiefen Verletzungen und Wunden leben. Oft sind sie verbittert über ihren Erfahrungen, erleben keinen wirklichen Frieden, weil sie die alten Verwundungen nicht loslassen wollen oder oft einfach nicht können.

Vielfach haben sie um sich herum eine Mauer gezogen, aus Angst, wieder verletzt oder verwundet zu werden. Vergebung sehen viele daher als eine reine Unmöglichkeit, sogar manches Mal als eine ungeheure Zumutung.

Und dennoch liegt gerade in der Vergebung die Chance eines befreiten und froh machenden Lebens, in dem auch neue vertrauensvolle Beziehungen wieder wachsen können, ohne Angst vor weiteren Verletzungen.

Vergebung ist etwas sehr Wertvolles, sie braucht jedoch eine Basis, von der aus man wieder auf den anderen zugehen kann. Diese Basis liegt zunächst in der Beziehung zu Gott gegründet.

Kränkungen und Verletzungen können sehr tief sitzen und benötigen die Erfahrung der Wertschätzung, der Annahme, der Liebe durch Gott. Hier ist der Ort, wo unsere Wut, unser Zorn, unsere Gefühle einen verständigen Raum finden. Die Wut gegen sich selbst oder gegen den anderen zu richten, ist niemals eine freimachende Lösung, sondern hat immer Zerstörung und Unfrieden zur Folge.

Vergebung ist ein Prozess, der Zeit braucht. Im Wort Gottes, in der Bibel, lesen wir: „Lieben hat seine Zeit und Hassen hat seine Zeit“ (Prediger 3,8) . Diese Zeit möchte Gott uns geben, mehr noch: Gott bietet uns einen Raum an, in dem wir unsere Wut, unsere Verzweiflung im Gebet loswerden können. Hier werden wir ernst genommen und hier dürfen wir Gott all das Geschehene überlassen und müssen nicht selber damit fertig werden.

Friedhelm Grund, Seelsorger in der Klinik Hohe Mark in Oberursel, sagt: „Indem wir unseren Ärger loslassen und uns ganz Gott überlassen, geschieht etwas Unbegreifliches. Wir beginnen, eine innere Freiheit zu fühlen, die uns Abstand gewinnen lässt von dem, was uns verletzen will. Gott gibt in unsere verletzte Seele etwas hinein, das uns zu einem inneren Gleichgewicht zurückfinden lässt. Wir lernen, anders mit unseren Verletzungen umzugehen.“

Wenn Gott uns aussöhnt mit unseren Verletzungen, können wir Menschen anders begegnen. Ja – wir werden fähig, auch anderen zu vergeben, Vergebung zu schenken.

Geschenkte Vergebung

Wie unser Gegenüber auf die Vergebung reagiert, wissen wir nicht, aber der oft schwere und mühevolle Schritt der Vergebung wird unser Leben befreien und neue Freude schenken.

In der Begegnung mit Jesus Christus wird uns ein Weg gezeigt, Befreiung von der eigenen Schuld zu erfahren, zugleich erfahren wir durch ihn eine neue Wertschätzung, eine neue Liebe, die es uns dann auch ermöglicht, Menschen zu vergeben, die uns verletzt haben. Eine befreiende Vergebung, die uns öffnet für eine neue und vertrauensvolle Beziehung zu Gott und zu Menschen.

Tjard Jacobs, Blaukreuz-Reisesekretär in Niedersachsen

Fragen zum Schwerpunktthema dieser Ausgabe "Vergebung empfangen – Vergebung schenken":

  1. Wie erleben Sie sich heute: froh und frei oder noch immer bedrängt und freudlos?
  2. Unter welchen Folgen der Schuld leiden Sie bis heute?
  3. Was bedeutet es für Sie, durch Jesus Christus ein neues, befreites Leben zu beginnen?
  4. Welchem Mitmenschen könnten Sie Vergebung schenken?



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