Leseprobe Juli 2008 |
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Viele kennen die Situation: Sprechen vor Leuten - aber wo soll ich denn nun meine Hände hinstecken? Warum kann ich denn plötzlich nicht mehr ruhig stehen? Wirkt meine Körpersprache beeindruckend? Oder übertrieben, ja lächerlich? Wie finde ich nun meine ganz persönliche Körpersprache? Ja, was ist denn Körpersprache überhaupt?
Eines steht fest: Ich kann nicht nicht kommunizieren. Sowohl verbal als auch nonverbal. Wenn man in Wien, in der Hochschule für darstellende Kunst, also im Max-Reinhardt-Seminar die schwere Eingangstüre zur Schauspielschule aufstößt, kommt man in einen großen Vorraum.
An der Marmorwand in der Eingangshalle ist ein Zitat von Max Reinhardt eingemeißelt, einem der größten Regisseure dieses Jahrhunderts: „Die Kunst des Sprechers ist, nicht sich zu verstellen, sondern zu enthüllen.“
Diesen Stil gilt es bewusst zu machen und herauszuarbeiten.
So gibt es dich nur einmal unter sechs Milliarden Menschen. Gott hat uns eine ganz persönliche Stimme, einen persönlichen Dialekt, eine persönliche Sprache, eine ganz persönliche Ausdrucksform, eine Note mit auf den Weg gegeben. Diese gilt es nun zu erkennen, herauszuarbeiten, wie ein Goldschmied seinen Stein bearbeitet. Jeder ist eine eigene Persönlichkeit. Persönlichkeit heißt im Lateinischen so viel wie „durchklingen“ lassen. Es gilt nun, mir meine ganz persönliche Ausdrucksweise bewusst zu machen, dass ich auch damit umgehen lerne, dazu stehen lerne und sie auch bewusst einsetzen kann.
Wir werden dafür zuerst einmal die Selbstwahrnehmung schärfen, um mitzukriegen, was mit uns los ist, auf Körpersignale achten und lernen, zu unserem persönlichen Ausdruck zu stehen. Es geht um die Selbstoffenbarung. Wir wollen dem ehrlichen Ausdruck auf die Spur kommen.
Das macht jeden einzelnen Menschen in seiner Eigenart auch so interessant. Wer sich mit anderen vergleicht, wird unweigerlich deprimiert. Du bist du und kein anderer ist wie du. Der Philosoph Kierkegaard prägte den Ausdruck: „Alle Not kommt vom Vergleichen.“ Ich werde nie so sprechen wie Ulrich Parzany oder Thomas Gottschalk. Aber dies darf und soll auch nicht unser Ziel werden. Alle Not kommt, gerade auch im vortragenden Bereich, vom Vergleichen.
Um wie viel kreativer wären wir, wenn wir in unserer Ausbildung nicht auf ein genormtes Ziel hinsteuern würden, sondern einfach von der einzigartigen Persönlichkeit eines jeden ausgehen würden. Ich bin ich. Diese Tatsache beginne ich schlussendlich erst im Laufe der Jahre in meiner Beziehung mit Gott zu begreifen.
Wir vergleichen unsere Schwächen oft mit den Stärken von anderen, ohne zu bedenken, dass der andere Schwächen hat, wo wir stark sind. Dann fühlen wir uns oft unfähig oder unqualifiziert.
In vielen Bereichen des Lebens, so auch am Theater, darf man kein Schnellprogramm wie bei einer Waschmaschine erwarten.
Eine der wichtigsten Tugenden eines Sprechers liegt darin, aufzuhören, sich zu vergleichen. Paulus beschrieb dies bereits vor 2000 Jahren im Neuen Testament (2. Korinther 10,12):
Echtheit kommt, wenn ich aufhöre, mich mit anderen zu vergleichen, wenn ich nicht mehr versuche etwas zu sein, was ich nicht bin.
Das Vergleichen und die Unzufriedenheit lähmt meinen ganzheitlichen Ausdruck. Erst wenn ich meine Persönlichkeit akzeptiere, kann ich sie auch in meiner Kunst zum Ausdruck bringen. Ein Vergleich zwischen zwei Menschen ist genauso wenig möglich wie zwischen einer Birne und einer Zitrone. Niemand würde auf die Idee kommen und sagen: „Die Zitrone ist aber sauerer. Die Birne ist runder.“ Das würde uns absurd erscheinen. Nein, wir akzeptieren, dass eine Zitrone eine Zitrone ist und die Birne eine Birne. Wir würden niemals von einer Zitrone erwarten, mehr wie eine Birne zu werden.
Wenn du das nächste Mal vor Menschen sprichst, dann verwende diese Möglichkeit dazu, um dir selbst treu zu bleiben. Schon bei der Begrüßung bleibst du bei dir und achtest darauf, dass du deinem eigenen kritischen Beobachter keinen Raum gibst. Bleibe bei dir selbst, mit all deinen Vorzügen und Schwächen. Nimm die freundlichen Signale deiner Zuhörerrinnen und Zuhörer auf. Wann immer du dazu neigst, dich selbst wieder zu verlassen und kritisch zu analysieren, dann sage dir folgenden Satz: „Ich bin, was ich bin, und ich bleibe mir selbst treu“ (wiederum von Paulus, 1. Korinther 15,10).
Wir sind einzigartige Persönlichkeiten, zu einem ganz bestimmten Zweck geschaffen.
Begrüße dein Spiegelbild mit den Worten: Ich bin ein Original Gottes. Einmalig auf dieser Erde, mit niemandem sonst zu vergleichen. Gott hat mich so geschaffen und er liebt mich so, wie ich bin. Klebe dir diese Worte auf deinen Badezimmerspiegel.
Ich kann aufhören, mich mit anderen zu vergleichen und zu meiner einzigartigen Persönlichkeit stehen.
Fazit: Ahme nie die Körpersprache oder Ausdrucksweise eines anderen Menschen nach. Gott baut keine Reihenhäuser ...
Eva-Maria Admiral und Eric Wehrlin
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aus: aus: „anruf“ – Mitarbeitermagazin des Deutschen EC-Verbandes Kassel 2/2005
Abdruck mit freundlicher Genehmigung.