Leseprobe Mai 2008 |
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Die Musiker von „Gen Rosso“ haben in mein Leben geblasen wie ein Orkan! Sie haben die letzten Tränen aus mir herausgepustet, und jetzt fühle ich mich ausgebrannt und leer. Oder fast leer. Ein einziges Gefühl ist noch da: Das schaffe ich nie. Dabei ist es genau das, was ich wollte! „Gen Rosso“ ist eine internationale Gruppe von christlichen Musikern aus Italien.
Ein ganzer Bus von Patienten und Therapeuten ist von der Klinik aus zu ihrem Konzert gefahren, und ich bin eigentlich nur mitgegangen, um einmal hier rauszukommen. Und weil Ruth mich dazu überredet hat.
Spätestens als wir die Fähre über den See bestiegen, bereute ich es. Hier überfielen mich mit Wucht alte schmerzliche Erinnerungen an vergangene Urlaubsreisen. Als wir in Konstanz ankamen, war mir so elend, dass ich mich wirklich im Klo vom Konzerthaus übergeben musste, und die ganze Zeit hatte ich Angst, dass die Übelkeit wiederkommen würde, wenn ich – unter so vielen Menschen eingeschlossen – nicht raus konnte.
Die Übelkeit kam nicht, aber die Tränen, die blöden Tränen kamen wieder. Als hätten sie nur auf solch einen Anlass gewartet, schossen sie heraus, und ich sah „Gen Rosso“ nur wie durch einen Vorhang.
Aber was ich da sah, reichte, dass ich mich immer schlechter fühlte: Dort auf der Bühne passierte Freude. Dort wurde in allerhöchster Form all das gelebt – nicht gespielt! –, was ich ersehnte: Freude, Freiheit, Lebendigkeit. Diese Augen der Musiker erzählten von einem Leben, das das Paradies sein musste. Was da auf der Bühne geschah, war eine Explosion der Freude.
Was sie in mir anrichtete, war verheerend. Nun wusste ich, dass ich aufgeben konnte. Nie würde ich mein ersehntes Ziel erreichen. Doch da ich es gesehen hatte, würde ich mit weniger nicht zufrieden sein. Da kannte ich mich.
Damals im Wald, als ich mir das letzte Mal das Leben nehmen wollte, suchte ich danach. Nun, ich hatte es gefunden. Das Leben, wie es lebenswert sein musste. Es gab die Quelle, die ich vermutete; manche tranken daraus und waren so, wie ich werden wollte, wie ich immer sein wollte. Für mich selbst konnte ich nur traurig sein, denn es war mir klar, dass diese Quelle für mich nicht zugänglich war.
Eine neue Welle von Schwermut rollte auf mich zu, und ich sah keine Möglichkeit, ihr auszuweichen, aber auch keine, sie noch mal auszuhalten. Dazu kam, dass ich langsam dahinter kam, warum ich zur Trinkerin geworden war.
Meine Ängste lagen schön sauber ausgebreitet vor mir. Meine Unfähigkeit, Schmerz auszuhalten, hatte sich nicht geändert; und schlimmer noch: Ich war allein gar nicht lebensfähig. Ja, ich merkte, dass ich mein Leben sozusagen immer aus zweiter Hand bezogen hatte.
Ich versuchte, dich glücklich zu machen, damit du bei mir bliebst, weil ich nicht allein sein wollte. Oder konnte. Dabei war es mir egal, ob du glücklich warst. Ich glaube, ich kannte dich gar nicht und wollte dich auch gar nicht kennen lernen. Ich brauchte dich und alle vor dir, denen ich Liebe vormachte. Aber es kümmerte mich nicht, wer ihr alle wart. Ich brauchte euch für mein Leben!
Ich kann nicht lieben. Denn dieses Organ, das Liebe erzeugt, fehlt bei mir. Also bin ich nicht lebensfähig. Schon gar nicht nüchtern. Der Mensch, den ich in mir kennen gelernt habe, war nur zum Totsaufen gut. Ihr könnt ihm ja weiter aus dem Weg gehen, aber könnt ihr mir sagen, wie ich ihm täglich nüchtern in die Augen sehen und dabei sagen soll: Das bin ich?
Dabei hatte ich so sehr gehofft, dass der Mensch in mir liebenswert sein würde, wenigstens für mich, so dass ich in Frieden mit ihm weiterleben könnte. Aber er ist, ehrlich gesagt, schlimmer und böser als der, den ich kannte und auch nicht mochte. Wie soll ich ihn jemals nüchtern ertragen? Ich habe doch schon so oft und voll guten Willens versucht, ihn zu ändern. Mich zu ändern. Es gelang einfach nicht.
Jetzt kann ich nicht mehr. Wie oft haben wir über die Grenzen der Psychoanalyse gesprochen – ich war jetzt an sie gestoßen, erlebte sie bitter und war auch an meinen eigenen Grenzen angelangt und stieß mich wund daran und stoße mich weiter wund. Ich weiß ein bisschen mehr über mich und mein Leben und das Leben an sich, ja. Aber dadurch wird doch das Leben nicht leichter. Im Gegenteil! Jetzt sitze ich mit all diesem Wissen hier in meinen Grenzen und kann nicht hinaus.
Glaubt mir, es hat keinen Zweck mehr. Ich habe doch alles versucht! Schaut mich doch an und seht die Fratze, die dahinter verborgen ist! Ich habe mir solche Mühe gegeben, sie immer wieder schön zu bemalen. Hier ist alle Farbe abgekratzt worden und es hat sich nichts geändert. Nur dass ich jetzt weiß, warum ich mich betäuben musste.
Keiner kann mir sagen, wie ich damit leben soll; und mir fällt auch nichts mehr ein. Lasst mich in Ruhe und in Frieden mich selbst und meine Sehnsucht zu Grabe tragen. Ich kann nicht mehr. Ich will nicht mehr. Ich will nur noch alle Anstrengung von mir schleudern, mich nicht mehr verstecken und so tun als ob.
Und auf einmal spüre ich die Explosion der „Gen Rosso“ in mir. Es ist eine Explosion der Liebe. Ich hatte mich gerade aufgegeben, mehr als jemals, wenn ich mir das Leben nehmen wollte, und explodiere vor Liebe! Oder jedenfalls einem Gefühl, das mich randvoll anfüllt und alle Sehnsucht stillt.
Ich weiß nicht, woher es kommt, dieses Gefühl, das mich überströmen lässt, mich schwindelig macht, meinen Puls rasen und meinen Atem schneller werden lässt. Es ist da. Es ist wahr. Ich, ich werde geliebt! Von wem? Ich weiß es nicht, aber ich spüre die Liebe.
Ich weiß nicht, was mir geschehen ist, aber ich empfinde diese Explosion als das reinste Glück, das mir jemals widerfahren ist. Ich schöpfe den ersten Atemzug meines Lebens, und er zerreißt mir fast die Brust, und ich tue den ersten Schrei: einen Jubelschrei.
Ich erlebe dieses befriedigende Gefühl bis in die letzten Seelenspitzen zum ersten Mal. Jetzt erlebe ich Liebe und bin so aufgelöst in diesem Erlebnis, dass es mir gleichgültig ist, woher sie kommt. Sie ist da. Das ist genug. Ich kann weiterleben – vielleicht so, wie ich es mir ersehnte. Ich bin fröhlich, und alle Türen stehen sperrangelweit offen, so dass Luft, Freude und Licht in mich hereinkönnen.
Ich möchte tanzen durchs Haus, und ich tu es auch. „Was ist dir denn passiert?“, fragt meine Zimmerkollegin Ruth. „Man könnte gerade meinen, der Blitz hätte in dich eingeschlagen.“ „Hat er auch. Ich weiß nur noch nicht, welcher. Ruth, mach dir keine Sorgen. Alles wird wieder gut werden mit uns. Ich weiß es ganz genau.“ Erleichtert stellt Ruth fest, dass ich keine Fahne habe. Aber ihr Blick ist sehr misstrauisch.
„Was ist Ihnen denn geschehen?“, fragt mich auch später mein Therapeut. Ich traf ihn auf dem Flur. „Ich weiß es nicht“, konnte ich nur antworten. „Ich weiß es wirklich nicht. Ich fühle mich wie neu geboren.“ Ja, das drückte es am allerbesten aus: Ich fühlte mich wie neu geboren.
Kris
aus: Werner Brück (Hrsg.), Das schaffen wir, Blaukreuz-Verlag