Leseprobe April 2008


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Wie Gruppen funktionieren

Gruppenabläufe und -prozesse sind leichter zu verstehen, wenn Gruppenleiter sich zunächst einmal bewusst machen, dass Gruppen unterschiedliche Entwicklungsstufen durchlaufen, das heißt, sie entwickeln sich fort oder machen eben auch Rückschritte. Nicht jede Gruppe muss alle genannten Phasen durchlaufen, einzelne Phasen können übersprungen werden. Die Dauer, in der eine Gruppe in der jeweiligen Phase verweilt, ist auch unterschiedlich.
Ein Gruppenleiter/Moderator sollte aber wissen, welche Phase seine Gruppe im Moment durchläuft. Das kann ihn vor zu hohen Erwartungen an seine Gruppe und an sich selbst bewahren.

Die Anfangsphase (Fremdheitsphase)

Die Gruppenmitglieder haben den Wunsch, zur Gruppe zu gehören. Auf der anderen Seite haben sie aber auch Angst davor, ob sie im Laufe der Zeit so bleiben können wie sie sind. Wird von ihnen vielleicht ein ganz anderes Verhalten verlangt? Müssen sie sich ändern?
Charakteristika dieser Phase: Fremdheit, Angst, Neugier, Orientierungsbedürfnis der Gruppenteilnehmer. Der Gruppenleiter wird versuchen müssen, das Bedürfnis nach Orientierung zu befriedigen.
Eine Möglichkeit ist, dass sich die Gruppe Regeln gibt, nach denen sie arbeiten kann. Ein Beispiel dazu sind Kommunikationsregeln, die innerhalb der „Themenzentrierten Interaktionellen Methode“ von Ruth Cohn entwickelt wurden. Sie werden kurz TZI-Regeln genannt.

Diese Regeln berücksichtigen drei wichtige Bestandteile des Gesprächs:

Um Gesprächsgruppen erfolgreich zu gestalten, sollte möglichst eine Balance hergestellt werden zwischen dem Thema, dem Gesprächspartner als Individuum und der Beziehung der Gruppe. Die Gruppe kann sich aber auch selbst Regeln geben, nach denen sie arbeiten kann.
Für die Gruppenleiter sind in der Anfangsphase noch weitere Punkte wichtig, die die Gruppendynamik beeinflussen: Gruppennormen, Gruppenziele, Übernahme von Rollen (zum Beispiel Funktionsträger, Ideenträger, Wortführer, „Schwarzes Schaf“, „Sündenbock“, „Clown“ usw.).

Die Orientierungsphase (Phase der „Platzfindung“)

In dieser Phase finden die Gruppenmitglieder ihren Platz in der Gruppe. Dies ist meist keine bewusste und aktive Tätigkeit, aber jeder braucht, um in einer Gruppe leben zu können, einen „anerkannten“ Platz. Das muss der Gruppenleiter wissen, denn diese Phase ist der Grundstein des Miteinanderumgehens. Hier entscheidet sich, ob die Gruppe weiterarbeiten kann. Wenn die Phase aber bewältigt wird, wenn letztlich jedes Gruppenmitglied einen Platz gefunden hat, den es selbst und auch die anderen anerkennen können, so wird das als große Erleichterung erlebt. Die Gruppe gelangt dann in das nächste Entwicklungsstadium.

Die Vertrautheitsphase

Die Mitglieder der Gruppe fühlen sich sicher, sie kennen ihre Stärken und Schwächen und fühlen sich vorläufig akzeptiert. Die Gruppe findet ein erstes Selbstverständnis als Gruppe. Das Zusammengehörigkeitsgefühl ist stark. Spannungen zwischen den Mitgliedern und verschiedene Meinungen werden nicht verleugnet oder „verboten“, sondern offen thematisiert. So werden gemeinsam Lösungen gefunden.

Die Differenzierungsphase

Die Gruppenmitglieder haben gelernt, sich in ihrer Unterschiedlichkeit zu akzeptieren und Unterschiede nicht als Angriff und Kampfmittel, sondern als produktiv zu verstehen. Konflikte werden nicht mehr als „Pannen“ im Zusammenleben verstanden, sondern sind normale Zeichen von Unterschiedlichkeit einzelner Gruppenmitglieder. Jedes Gruppenmitglied wird als eigenständige Person akzeptiert. Die Gruppe ist offen. Der Gruppenleiter ist mehr Teil der Gruppe, Gruppenleitung ist gemeinsame Sache.

Abschlussphase

Gruppen sollten im Idealfall auch ein Ende haben. Diese Tatsache wird aber oft verleugnet und krampfhaft vermieden, weil es eben auch Angst auslöst, wenn Beziehungen schwach werden und abbrechen. Daher ist es die Aufgabe des Gruppenleiters, Trennungsängste abzubauen.

Käthe Körtel / Ute Krasnitzky-Rohrbach
aus: Handbuch für die Suchtkrankenhilfe, Blaukreuz-Verlag

Fragen zum Schwerpunktthema dieser Ausgabe "Gruppen":

  1. In welcher Entwicklungsstufe befindet sich meine Gruppe meines Erachtens gerade
    und woran erkenne ich das?
  2. Gibt es unterschiedliche Eindrücke? Woran liegt das?
  3. Welche Ziele hat unsere Gruppe?
  4. Wo ist mein Platz in der Gruppe?
  5. Wie kommunizieren wir in der Gruppe?



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