Leseprobe Dezember 2007


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Warten können ...

Adventszeit ist Wartezeit. Es gilt, sich in Geduld zu üben. Erst müssen alle vier Kerzen am Adventskranz gebrannt haben. Erst müssen die Kinder alle 24 Türchen am Adventskalender geöffnet haben. Und dann erst, dann ist Weihnachten. Ja, Adventszeit ist Wartezeit.

Mit dem geduldigen Warten beschäftigen sich auch zwei Verse aus dem Jakobusbrief: „So seid nun geduldig, liebe Brüder, bis zum Kommen des Herrn. Siehe, der Bauer wartet auf die kostbare Frucht der Erde und ist dabei geduldig, bis sie empfange den Frühregen und den Spätregen.“ (Jakobus 5, 7-8)

Warten können – ist manchmal gar nicht so leicht

Da ist im Supermarkt nur eine Kasse besetzt. Die Schlange von Menschen davor zieht sich schon durch den halben Laden. Und dann ist plötzlich auch noch irgendwas mit der Kasse nicht in Ordnung. Na toll ... also noch länger warten. Da braucht man wirklich Geduld.

Es gibt allerdings Menschen, die haben keine Geduld. Sie müssen sich vordrängeln beim Einsteigen in den Bus. Sie müssen den Schokoriegel schon essen, bevor sie ihn an der Kasse bezahlt haben. Warten können ist offenbar wirklich gar nicht so leicht.
Wartezeit scheint vielen eine verlorene Zeit zu sein. Eine Zeit, die sie gezwungenermaßen hinnehmen müssen, die es aber eigentlich besser nicht geben sollte. Was sie sich wünschen, das möchten sie am liebsten sofort haben, auf der Stelle.

Manchmal kann man solche Ungeduld auch gut verstehen. Wer z. B. seine Arbeit verloren hat, will möglichst bald eine neue Stelle haben – ist doch klar. Und wer erkrankt ist an Leib oder Seele, möchte so schnell wie möglich gesund werden. Wie gut ist das nachzuvollziehen.
Und doch geht vieles nicht von heute auf morgen. Eine neue Arbeit finden, heil werden, Abschied nehmen von einem geliebten Menschen – all das braucht Zeit. Da muss man geduldig sein mit sich selbst und mit anderen.

Warten können – eine wertvolle Eigenschaft

Nein, warten können ist manchmal wirklich nicht leicht. Dennoch ermutigen die beiden Verse aus dem Jakobusbrief dazu. Sie machen deutlich, dass warten können eine wertvolle Eigenschaft ist.

Warten können: Leben mit weitem Blick und Achtsamkeit auf den Augenblick

Das deutsche Wort „warten“ meint eigentlich „auf der Warte wohnen“. Die Warte ist der Ort der Ausschau, der Wachtturm. Und so bedeutet warten also Ausschau halten, in die Weite blicken, nach vorne schauen, was da auf mich zukommt.

Warten kann aber auch bedeuten „auf etwas acht haben“, so wie beispielsweise der Wärter im Zoo auf die Tiere acht hat. Oder wie ein Mechaniker ein Gerät wartet, damit es gebrauchsfähig bleibt. Warten meint also beides: das geduldige Ausschau halten mit weitem Blick und die Achtsamkeit auf den Augenblick.

Beide Gesichtspunkte des Wartens finden sich auch in dem Bild, das Jakobus uns vor Augen malt: Der Bauer, der auf die Frucht wartet, lebt einerseits wachsam im Jetzt. Er beobachtet die Wolken, die den Frühregen und den Spätregen bringen. Er hat acht auf die Pflänzchen und auf ihr Wachstum. Doch andererseits hat er schon die Zukunft im Blick, die Erntezeit.

Wer bewusst wartet, lebt in einer gesunden Spannung. Geduldig Ausschau zu halten mit einem weiten Blick und achtsam zu sein auf den Augenblick – das bedeutet „warten können“.

Warten können: eine Eigenschaft Gottes

In der Bibel ist es vor allem Gott, von dem es heißt, dass er wartet. Er hat Geduld mit seinen Menschen. „Barmherzig und gnädig ist der Herr, geduldig und von großer Güte“, heißt eine immer wiederkehrende Formulierung der Bibel (vgl. z. B. 2. Mose 34,6; Nehemia 9,17; Psalm 86,15). Ja, Gott hat Geduld mit uns. Er lässt uns Zeit. Er wartet auf uns, dass wir uns für seine Liebe öffnen. Und dass wir von ihm erwartet werden, zeigt uns, wie wertvoll wir sind in seinen Augen.

Warten können: eine Voraussetzung, damit Leben gelingt

Und so ist sein Warten gewissermaßen das Vorbild für unser Warten. Jakobus ermutigt uns, dieses Warten einzuüben. Denn warten können ist eine Eigenschaft, die wir benötigen, um zu reifen Persönlichkeiten zu werden.

Warten im Bezug auf die Dinge: Wer nicht warten kann, muss sich jeden Wunsch sofort erfüllen. Aber das macht ihn abhängig. Wer nicht gelernt hat zu warten, ist gefangen in seinem Verlangen. Warten zu können, macht uns innerlich frei. Es hilft uns, dass wir uns nicht ständig mit unseren Wünschen identifizieren müssen.

Warten in Beziehung zu anderen Menschen: Warten können ist aber auch wichtig, damit Beziehungen gelingen: die Beziehung zu Nachbarn, zu Freunden, zum Lebenspartner. Jeder hat seinen eigenen Rhythmus. In manchen Bereichen lebe ich schneller als der andere. In anderen bin ich langsamer. Und so gilt es immer wieder, aufeinander zu warten. Ich darf den anderen nicht ständig drängen, ihm immer wieder meinen eigenen Rhythmus aufzwingen wollen. Sonst wird unsere Beziehung nicht wachsen und nicht reifen. Wir müssen aufeinander warten können.

Warten in Bezug auf mich selbst: Auch mit uns selbst brauchen wir Geduld. Wie oft sind wir unzufrieden, weil wir in unserer persönlichen Entwicklung nicht so schnell vorankommen, wie wir es uns wünschen. Das Kind möchte endlich erwachsen sein. Der Übergewichtige möchte am liebsten auf einen Schlag den dicken Bauch loswerden.
Wir müssen lernen, auch mit uns selbst Geduld zu haben. Wir kommen nicht immer so schnell voran, wie wir es uns wünschen.

Damit wir in solchen Situationen nicht unzufrieden werden mit uns, müssen wir lernen, auch auf uns selbst warten zu können. So, wie Gott geduldig mit uns ist, so dürfen auch wir selbst mit uns Geduld haben. Das Feld braucht Zeit, um die kostbare Frucht hervorzubringen. Und ein Mensch braucht auch Zeit, um das zu entfalten, was in ihm angelegt ist.

Warten können – auf die Ankunft des Herrn

Natürlich ist das Warten, zu dem Jakobus in seinem Brief auffordert, auch auf ein Ziel gerichtet: Auf die Ankunft des Herrn.
„Ankunft des Herrn“ heißt in der lateinischen Bibelübersetzung „Adventus Domini“, wovon unser deutsches Wort „Advent“ abgeleitet ist. Die Adventszeit ist also die Zeit, in der wir auf die Ankunft des Herrn warten.

Dabei denken wir zunächst an Weihnachten, also an das Kommen Jesu in der Heiligen Nacht. In ihm, dem Kind in der Krippe ist er hinein gekommen in unsere Welt. Damit den Menschen ein Licht aufgeht in der Nacht ihrer Angst und Traurigkeit.
Und doch ist die Ankunft Jesu zu Weihnachten noch nicht alles.
Wenn Jakobus vom Kommen des Herrn spricht, dann meint er damit den Tag, an dem Jesus wiederkommt, den Tag, an dem er als Richter dieser Welt auftreten wird.

Vielen Menschen macht es Angst, von Jesus als dem Richter der Welt zu hören. Sie haben dann Bilder voller Schrecken und Gewalt vor Augen, Szenen, in denen er wie ein Scharfrichter auftritt. Aber ist das der, auf dessen Ankunft wir warten sollen? Ist das der, den Jakobus hier ankündigt und von dem er sagt, dass er nahe ist?
Nun, zweifellos wird der wiederkommende Herr kein niedliches Christkindlein sein. Wir warten tatsächlich auf Gott den Herrn, den Richter.

Aber dass dieser Richter nicht kommt, um die Welt hinzurichten, sondern um sie wieder aufzurichten, das hat er bei seinem ersten Kommen zu Weihnachten schon in aller Deutlichkeit gezeigt. „Fürchtet euch nicht. Siehe, ich verkündige euch große Freude, die allem Volk widerfahren wird.“ (Lukas 2,10) So hat darum damals der Engel den Hirten gesagt.

Nein, Jesus ist kein Hinrichter, sondern ein Aufrichter. Er macht wieder gerade, was schief geworden ist. Er lenkt unsere krummen Touren wieder auf rechte Bahn.

Darum soll unser Warten auf ihn kein Warten voller Angst und Zittern sein, sondern ein Warten, bei dem wir unsere Herzen stärken, wie Jakobus sagt. Ein Warten in der freudigen Gewissheit: Der Herr ist nahe. Schon jetzt baut er sein Reich mitten unter uns. Und wenn er kommt, wird alles gut.
Lange Zeit war es in der Kirche Brauch, die Tage des Advents als eine Buß- und Fastenzeit zu begehen. Also als eine Zeit, in der man vor Gott sein Herz prüfte, auf manches verzichtete und ihn mit wachen Sinnen er-wartete.

Vielleicht können wir ja daran anknüpfen und in dieser Adventszeit ebenfalls das Warten einüben. Möglichkeiten dazu bieten sich genug im Alltag. Und vielleicht gelingt es ja, in jedem Warten auch etwas vom Warten auf den Herrn zu entdecken, auf den Herrn, der kommt und der schon jetzt jedem von uns ganz nah ist.

Michael Schilling

Fragen zum Schwerpunktthema dieser Ausgabe "Warten können":

  1. Können Sie warten? Oder sind Sie eher ungeduldig?
  2. Wo fällt es Ihnen besonders schwer, Spannungen auszuhalten? Wie können Sie diese Fähigkeit verbessern?
  3. Es ist sinnvoll, sich kleine Ziele zu setzen, die beim Warten helfen und sich dann auch zu belohnen. (Für die Adventszeit kann das zum Beispiel heißen, erst ab dem 1. Advent Lebkuchen zu essen, jeden Adventssonntag eine Kerze mehr anzuzünden, jeden Tag nur ein Türchen am Adventskalender zu öffnen …)
  4. Wo überfordern Sie durch Ihre Ungeduld sich und andere? Wo sollten Sie achtsamer leben?



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