Leseprobe November 2007 |
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Unsere Launen sind die Stimmungsbarometer im Alltag. Sie lösen auch unter frommen Leuten oft Ärger aus. Warum können wir nicht immer fröhlich sein? Wie gehen wir mit unseren verschiedenen Launen richtig um?
Wir kennen die Situationen: „Das macht voll Laune!“, jubelt der Junior. „Ich bin nicht in Stimmung“, nölt die Tochter. „Wäre das nicht wundervoll?“, flötet die Hausfrau. „Du immer mit deinen Einfällen!“, mäkelt der Hausherr. „Ich könnte die ganze Welt umarmen!“, tanzt die Verliebte durch den Regen. „Das Wetter geht mir voll auf den Senkel!“, kommentiert ihr Partner verbiestert. Und während die einen überall gute Laune verbreiten, scheinen es andere darauf anzulegen, jedem die Stimmung zu vermiesen. Woran liegt es, wenn wir gut oder schlecht drauf sind?“
Im Mittelalter herrschte die Meinung vor, unsere Launen seien vom Mond (luna) beeinflusst. Heute wissen wir: Stimmungen entstehen durch Veränderungen im Nervensystem. Es sind gefühlsmäßige Stellungnahmen, Reaktionen auf das, was wir hören, sehen, begreifen und erleben, abhängig von unserer aktuellen körperlichen Verfassung und den persönlichen Bewertungsmustern. Wie ein Filter wirken Launen in unserem Alltag. Sie stimmen uns heiter oder lassen uns sauertöpfisch in die Welt schauen. Sie spornen uns zu Höchstleistungen an oder nehmen uns jede Motivation. Wer müde ist, wird schnell muffig, wer sich unsicher fühlt, reagiert gereizt. Sind wir körperlich überlastet, sehen wir die Welt grau in grau. Ausgeruht und energiegeladen, können wir dagegen „auf die verrücktesten Ideen“ kommen.
Musik am Morgen, ein Brief oder Gespräch, der Tag im Büro, der Einkauf am Nachmittag, das Kinderlachen im Gottesdienst – all das kann von uns als ärgerlich oder erfreulich bewertet werden, geht uns „auf den Geist“ oder hebt unsere Stimmung. Mal schnellt das Gefühlsbarometer jäh nach oben oder unten, mal gleiten wir unmerklich von einer Stimmung in die nächste, ohne dass wir uns unsere Stimmungswechsel erklären könnten. Schlechte Laune korrespondiert allerdings häufig mit Unsicherheits- und Bedrohungsgefühlen, Ablehnungserfahrungen, Unzufriedenheiten, Selbstzweifel und Versagensängsten. Positive Launen haben es meist mit Erfahrungen von Angenommensein und Liebe zu tun, mit Glück, Zufriedenheit, Selbstvertrauen und optimistischen Erwartungshaltungen.
Geraten wir in ein Stimmungstief, erleben wir das meist als unangenehm. Und wir tun alles, um schlechte Laune zu vermeiden. Die typischen Alltagsaufheller: Kaffee zum Wachwerden, Wein zur Entspannung, Zigaretten zur Beruhigung, Schokolade zur Belohnung. Mit immer neuen Angeboten versucht uns die Erlebnisindustrie bei Laune zu halten. Wellness und Erlebnis-Shopping, stimmungsaufhellende Düfte, Sightseeing und eine Vielzahl anderer Gute-Laune-Angebote sollen negativen Gefühlen gegensteuern. Bildungseinrichtungen bieten Seminare für aktives Stimmungsmanagement, Motivationsgurus trainieren in positivem Denken, Action und Unterhaltung. Ein „Leben nach Lust und Laune“ gilt vielen als Top-Frustschutzmittel gegen Alltagstristesse.
Doch fördert Lust Genuss? Ist die Erfüllung unserer Wünsche gleichzusetzen mit guter Laune? Das Problem: Beim Leben nach Lust und Laune ist unser Ich das einzige Bezugssystem. Gemacht wird nur, wozu wir Spass haben und was die persönliche Stimmung hebt. Doch die Drehung um uns selbst macht nicht zufrieden. Und die Dinge, die wir konsumieren, machen nicht satt. Sie stillen nicht die hinter unseren Wünschen stehende Ur-Sehnsucht nach einem sinnerfüllten, glücklichen Leben. Als Christen wissen wir: Der letzte Grund für unsere Unfähigkeit, dauerhaft Freude und Glück zu empfinden, liegt in dem Nein des Menschen zu Gott. Nur wo wir unser Leben in ihm gründen, kommt unsere Sehnsucht nach Glück und Zufriedenheit zur Erfüllung.
Auch als Christen können wir schnell in Stimmungstiefs geraten. Wie ein Schatten legen sich Übellaunigkeit und Missmut auf alles Erlebte, ersticken jede Freude und vermiesen uns den Tag. Sind wir oft von negativen Stimmungen betroffen, droht Gefahr. Denn chronisch schlechte Laune kann krank machen, unser Immunsystem schwächen, Migräne, Asthma, Neurodermitis, Magengeschwüre oder Depressionen auslösen und zu Herz- und Kreislaufproblemen führen. Schon darum ist es wichtig, wie wir mit unseren Verstimmungen umgehen.
Sind wir schlechter Laune, müssen wir das nicht fromm übertünchen. Dies gibt uns aber nicht den Freibrief, negative Gefühle „einfach rauszulassen“. Im Gegenteil: Es ist fatal, mit welcher Hingabe Nachfolger Jesu ihre schlechten Launen gelegentlich ausleben und in alle Richtungen wuchern lassen. Gereizt, ärgerlich und ungeduldig, sind sie ständig am Motzen, lassen an nichts und niemandem ein gutes Haar und werden für ihre Umgebung zu regelrechten Nervensägen. Ihre „launischen Bemerkungen“ verletzen oft tief und können eine Beziehung dauerhaft vergiften. Ausdrücklich und wiederholt warnt die Bibel deshalb vor solchen Verhaltensweisen.
Dass wir launische Menschen sind, entbindet uns nicht von der Verantwortung für unser Handeln. Niemand von uns ist seinen negativen Stimmungen hilflos ausgeliefert und muss sich von ihnen überschwemmen und fortreißen lassen. Der Arzt und Seelsorger Michael Dietrich sagt: „Man kann seine Gefühlsstruktur ändern!“ Missmut und Niedergeschlagenheit lassen sich zwar nicht durch einen puren Willensakt in ein Stimmungshoch verwandeln. Sie lassen sich auch nicht einfach wegbeten. Es braucht aber die bewusste Entscheidung, diesen Gefühlen nicht die Gefühlshoheit einzuräumen: Negative Launen dürfen nicht das Klima der Beziehungen diktieren, in denen wir leben.
Der wichtigste Schritt, um emotionale Entgleisungen zu verhindern, ist es, uns unserer Übellaunigkeit zu stellen. Das fällt nicht leicht. Oft schnauzen wir andere an, die uns darauf ansprechen. Doch unsere Launen sind Ausdruck unserer Gesamtpersönlichkeit und als Signal- und Anpassungsreaktion der Psyche von besonderer Bedeutung. Fragen wir uns deshalb: „Gibt es einen Grund für das Stimmungstief, in dem ich mich befinde? Was will Gott mir dadurch zeigen?“ Konkrete Schuld, die Angst, einer Aufgabe nicht gewachsen zu sein, nicht erfüllte Wünsche oder unbefriedigte Sehnsüchte: Auf all das können uns unsere Launen hinweisen. Gottes Anliegen ist nicht in erster Linie das Ausmerzen aller unangenehmen Gefühle und Stimmungen. Ja, es kann sein, dass Gott uns gerade durch negative Launen, die wir allein nicht in den Griff bekommen, zu einem besonderen Punkt führen will, an dem wir uns neu abhängig von ihm machen und alles von ihm erwarten. Als Christen sollen wir uns deshalb nicht in unseren Gefühlen verlieren. Doch wenn wir unseren Launen nachspüren, dann können sie uns wertvolle Helfer werden in unserer Beziehung zu uns selbst, zu Gott und auch zum Nächsten.
Günther Kress