Leseprobe Ausgust 2007


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Familienbande - Eltern und Kinder

Wenn Kinder selbstständige Entscheidungen treffen

Juliane ging in die 6. Klasse der Städtischen Realschule. Eigentlich fühlte sie sich in der Klassengemeinschaft ganz wohl, obwohl einige ihrer Mitschüler sie immer mal wieder damit aufzogen, dass sie an Gott und die Bibel glaubte. Eine richtige Freundin hatte sie in der Klasse nicht. Darum traf sie sich in der Pause immer mit ein paar Mädchen der Parallelklasse, die auch in die Jungschargruppe ihrer Gemeinde gingen.

Mit den Mädchen ihrer Klasse kam sie zwar ganz gut aus, aber außer in der Schule hatte sie mit ihnen nichts zu tun. Darum war sie umso überraschter, als Linda sie zu ihrer Geburtstagsparty am kommenden Samstag einlud. „Fast die ganze Klasse wird dabei sein. Es wird total cool“, schwärmte Steffi, die ebenfalls eingeladen war.

Den elterlichen Rat hören

Julianes Eltern waren nicht ganz so begeistert. Sie wollten genau wissen, wer zu dieser Party kommen und was dort ablaufen würde. „Alkohol gibt es dort nicht, oder?“, forschte der Vater nach. „Nein, Papa, das kann ich mir nicht vorstellen.“ „Sollte es dort Alkohol geben, dann lässt du die Finger davon, versprochen?“, ergänzte die Mutter. „Ja, versprochen. Ich mag das Zeug doch so und so nicht“, antwortete Juliane. Schließlich stimmten die Eltern der Einladung zu.

Als Juliane am Samstag von ihrer Mutter zu der Party gebracht wurde, schallte bereits laute Musik aus dem Haus. Seufzend verabschiedete die Mutter ihre Tochter: „Wenn du dich hier nicht wohlfühlst, ruf an, dann hole ich dich ab.“ Juliane winkte ihrer Mutter fröhlich zu und klingelte an der Haustür. Linda öffnete ihr strahlend: „Hey, da bist du ja. Die Party ist schon in vollem Gange, wie du hörst. Komm rein!“

Im Eingangsbereich, im Wohnzimmer, auf der Terrasse, überall standen Teenager herum, quatschten, tanzten oder bedienten sich an dem Buffet. Etwas verlegen schaute sich Juliane um. Da entdeckte sie die anderen Mädchen ihrer Klasse, die kichernd in einer Ecke standen. Fröhlich begrüßten sie Juliane. „Hier, du möchtest doch bestimmt auch etwas trinken, oder?“ Mit diesen Worten drückte Steffi Juliane ein Glas in die Hand. „Was ist denn das?“, wollte sie wissen. „Cola mit ... ach, was weiß ich. Ist aber total lecker“, lautete Steffis Antwort.

Eigene Erfahrungen machen

„Ist da Alkohol drin?“, forschte Juliane nach. „Nur ein ganz kleines bisschen. Das merkst du gar nicht. Komm, sei kein Frosch. Runter damit!“, forderte Moni sie auf. Zögernd schaute Juliane auf das Glas in ihrer Hand. Ihren Eltern hatte sie versprochen, keinen Alkohol anzurühren. Sie spürte die Blicke der anderen Mädchen auf sich. „Was ist? Bist du etwa noch ein Baby?“, hörte sie Moni. Die anderen lachten. Da trank Juliane das Glas in einem Zug leer. Sie wollte nicht, dass die anderen sich den ganzen Abend über sie lustig machten. Sie wollte zu ihnen gehören. Die Mädchen applaudierten. „Ich geb’ noch eine Runde“, quiekte Steffi und füllte die Gläser.

Es wurde gelacht, gelästert, gegessen und noch das ein oder andere Glas Cola mit ... getrunken. Juliane fühlte sich immer unwohler. Aber sie hatte den Eindruck, aus ihrer Rolle nicht mehr heraus zu kommen. Auch der Alkohol tat so langsam seine Wirkung: Ihr wurde schwindelig und ziemlich übel. Da kam ein Junge auf sie zu: „Bist du Juliane? Deine Mutter wartet draußen auf dich.“ Juliane war erleichtert, die Party endlich verlassen zu können.

„Na, wie war der Abend?“, empfing sie die Mutter. „Ach, ganz gut, aber ich glaub, ich hab zu viel gegessen. Mir ist etwas übel. Und ich habe Kopfweh von der lauten Musik“, schwindelte Juliane. Prüfend schaute die Mutter ihre Tochter an, fragte aber nicht weiter nach. Zu Hause ging Juliane direkt auf ihr Zimmer. Ihr war ja so schlecht. Alles drehte sich. In der Nacht musste sie sich auch mehrmals übergeben. Zum Glück schaffte sie es immer noch rechtzeitig ins Bad.

Das Versprechen brechen

Aber schlimmer noch als die Übelkeit war das schlechte Gewissen, das Juliane plagte. Sie hatte das Versprechen gebrochen, das sie ihren Eltern gegeben hatte und dazu hatte sie auch noch ihre Mutter angelogen. Sie begriff jetzt zu gut, dass ihre Eltern sich nur Sorgen um sie gemacht hatten.

Der nächste Morgen war schrecklich. Noch immer hatte Juliane ein flaues Gefühl im Magen und der Kopf tat entsetzlich weh. Als sie in die Küche kam, schauten ihre Eltern sie fragend an. „Möchtest du auch Rührei zum Frühstück?“, fragte die Mutter. Schon bei dem Gedanken an Rührei wurde es Juliane übel. „Nein, danke. Ich esse nur eine Scheibe Toast. Machst du mir einen Tee?“

Eine Entschuldigung befreit

„Du hast wohl einen Kater?“, meinte der Vater. „So geht es einem, wenn man zu viel Alkohol getrunken hat.“ Da stiegen Tränen in Julianes Augen auf. Stockend erzählte sie ihren Eltern, was an dem Abend geschehen war. „Ich war so dumm. Es tut mir leid, dass ich nicht auf euch gehört und mein Versprechen gebrochen habe.“

Tröstend legte die Mutter den Arm um sie: „Ich hoffe, dass du dadurch manches gelernt hast.“ Juliane nickte: „Ich rühre keinen Tropfen mehr an. Und auf solche Freundinnen kann ich eigentlich verzichten.“ Sie war froh, dass die Sache zur Sprache gekommen war.

Ulrike Klimek
aus: Freund der Kinder

Fragen zum Schwerpunktthema dieser Ausgabe "Familienbande - Eltern und Kinder":

  1. Es fällt schwer, die eigenen Kinder loszulassen, wenn Sie eigene Wege gehen und eigene Entscheidungen treffen. Was gehört für Sie zu diesem „Abnabelungsprozess“ zum Beispiel dazu?
  2. Die Rollen ändern sich: Eltern und Kinder werden zu gleichberechtigten Personen. Welche Konflikte könnte diese Veränderung mit sich bringen?
  3. Wie sollten sich Eltern verhalten und was könnten die erwachsenen Kinder tun, um die neue Rollenverteilung zu bestärken?
  4. Auch kann es passieren, dass sich Eltern und Kinder voneinander entfremden. Wie können sie dennoch aufrichtig miteinander umgehen?



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