Leseprobe Juni 2007 |
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Die ersten Schlucke im Alter von 9 Jahren, einen Vollrausch mit 13: Die Trinkgewohnheiten vieler Jugendlicher sind Besorgnis erregend. Blaukreuz-Bundessekretär Reinhard Lahme spricht im Interview über den Trend des Komatrinkens und gibt Hinweise für die Eltern.
Reinhard Lahme: Das Konsumverhalten von Jugendlichen hat sich geändert. Flatrate-Partys und Komasaufen sind „in“. Wurde früher vor allem Bier getrunken, praktizieren Jugendliche das Komatrinken nun vor allem mit Alkopops und „harten“ Alkoholsorten.
Reinhard Lahme: Dafür gibt es unterschiedliche Gründe: um sich erwachsen zu fühlen, um für gute Stimmung zu sorgen. Abends an der Bushaltestelle, am Wochenende in der Disco, auf privaten Partys: Der Gruppenzwang spielt dabei sicherlich häufig eine große Rolle, Dumpingpreise und Flatrate-Partys verlocken. Sie trinken, um ihre Langeweile zu vertreiben, Entspannung und Betäubung zu erfahren. Durch den Alkoholkonsum wollen sie ihre eigenen Grenzen austesten und überschreiten. Was vertrage ich? Wann werde ich bewusstlos? Was passiert dann? Diese Fragen stellen sie sich. Die Jugendlichen wollen die Kontrolle über sich selbst verlieren und glauben so, ihren Erfahrungshorizont erweitern zu können. Allerdings nehmen sie dafür lebensbedrohliche Risiken in Kauf.
Reinhard Lahme: Wenn Eltern ein Geheimnis von ihren Kindern erfahren wollen - das Alkoholproblem ist eins -, müssen sie eine gute Beziehung zum Kind haben. Ansonsten wird das Kind es lange verheimlichen können.
Reinhard Lahme: Ahnt ein Elternteil ein Problem, sollte dies mit dem Kind sachlich erörtert werden. Denn oft ist das Alkoholproblem nur ein sekundäres, wie beim Erwachsen meist auch. Hilfe dazu erhalten Eltern in den Suchtberatungs- und Erziehungsberatungsstellen sowie bei einem Mitarbeiter einer Selbsthilfegruppe wie dem Blauen Kreuz.
Wichtig ist, dass Eltern selbst lernen, offen darüber zu reden und nicht selbst auch ein Geheimnis aus dem Alkoholproblem des Kindes machen.
Reinhard Lahme: Die Einstellung zum Alkohol wird in den Familien und Sportvereinen geprägt. Ob ein Elternteil acht Bier am Tag trinkt oder eins, hat oft große Auswirkungen. Und nicht jede Feier muss mit Alkohol bestritten werden. Es kommt darauf an, dass Eltern Alternativen vorleben.
Ich las einmal den Satz: „Eltern, hört auf, eure Kinder zu erziehen, sie tun doch nur das, was die Eltern tun.“ Rund 50 Prozent der heutigen Alkoholkranken kommen aus einer Familie mit Suchtproblemen.
Reinhard Lahme: Gleichgültige Eltern sind für Kinder ein Risiko, insbesondere wenn eine Gleichgültigkeit zum Suchtmittel besteht. Untersuchungen in Boston haben übrigens ergeben, dass von den Jugendlichen, die vor dem 14. Lebensjahr Alkohol getrunken haben, jeder zweite suchtkrank geworden ist. Unter 14-Jährige haben noch nicht den Blick für das Risiko, das sie eingehen. Das sollte Eltern nicht gleichgültig sein.
Aber beim Alkohol sind nicht nur die Eltern gefragt, sondern auch die Gesellschaft, denn der Alkohol, den das Kind trinkt, ist immer durch die Hände von Erwachsenen gegangen.
Das Interview führte Kerstin Rudoloh; BK