Leseprobe März 2007


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Vom Mehr zum Weniger in der Fastenaktion

Lange Zeit kannten wir nur eine Richtung: vom Weniger zum Mehr. Inzwischen steigt die Zahl derer, die gegensteuern wollen – vom Mehr zum Weniger. Sie helfen ihrem Mangel durch Verzicht ab. Doch das will gelernt sein.

Norbert packt seinen Rucksack. Viel kann er nicht mitnehmen auf seine Reise. Anzug, Hemd und Krawatte bleiben im Schrank des 45-jährigen Geschäftsmannes. Es geht für eine Woche ins Kloster. "Ich fahre mit dem Zug", sagt er, "steige früher aus und laufe sechs Kilometer zu Fuß zum Ziel."

Immer wieder sucht er Abstand vom "Alltagstrott" mit seinem hohen Leistungsniveau. "Eine Einkehr ins Kloster ist für mich wie ein bewusstes sich Hinwenden zur Quelle des Lebens. Es ist immer eine tiefe spirituelle Erfahrung für mich."

Pater Guido, Mönch in der Benediktinerabtei Engelberg in der Zentralschweiz, ist als Gästepater für die Betreuung der "Kurzurlauber" seines Klosters zuständig und weiß: "Die Gäste wollen trotz mannigfaltiger Möglichkeiten ihre Freizeit anders gestalten, bevorzugen die Kargheit des Klosters." Warum? "Für viele sind es die klaren Rhythmen und die einfachen Strukturen. Andere kommen, um ihrem Mangel an Stille abzuhelfen", sagt Pater Guido. Viele Menschen können heute im Alltag selbst im Urlaub nur schwer zur Ruhe finden, weiß der Mönch.

Einfachheit statt Effektivitätswahn

Ruhe, Einfachheit, klare Abläufe sind anscheinend Werte, die inmitten von Waren und Werbung, von Effektivitätswahn und dem Zwang, funktionieren zu müssen, immer seltener werden. Viele hegen deshalb eine stille Sehnsucht danach, ihr Leben einmal auf den Kopf zu stellen, um aus der "Immer mehr, immer schneller"-Falle auszubrechen und mit der eigenen Überforderung Schluss zu machen.
Der deutsche Zukunftsforscher Matthias Horx beobachtet eine Abkehr von dem Motto: "Haste was, dann biste was!" "Langsam dämmert uns die Kehrseite dieses ungebremsten Materialismus. Was uns fehlt, sind längst keine Dinge mehr. Woran es mangelt, sind Qualitäten, Erfahrungen und Erleichterungen."

Sich trauen, zu verzichten

Wir gönnen uns Ersatzbefriedigungen, wenn wir ein Gefühl des Unwohlseins bekämpfen wollen. Befällt uns Langeweile, schauen wir fern. Haben wir Stress, kaufen wir ein, um uns zu belohnen. Suchen wir Anerkennung oder Macht, arbeiten wir bis zum Umfallen. Ruhe bringen uns potenzielle Suchtmittel nicht. Sie erzeugen vielmehr Abhängigkeiten und neue Bindungen.

Sich trauen, auf etwas zu verzichten – vielleicht ist das mehr denn je das Gebot der Stunde in einer Lebenswelt, die den Wert eines Menschen nach Statussymbolen definiert. Mut gehört dazu, sich aus dieser täglichen Spirale auszuklinken. Und die Einsicht, dass der eigene Selbstwert nicht an Dinge geknüpft ist, die man ge- und verbrauchen kann.

Fest steht: Wir sind an einem Punkt angekommen, an dem wir es uns leisten können, auf vieles zu verzichten. Mehr noch: Verzicht zu üben, wird sogar überlebenswichtig. Doch wie einfach fällt es uns heute tatsächlich, zurückzustecken? Die Freiheit von inneren und äußeren Zwängen – so sehr sie unserer Sehnsucht entsprechen mag – von der verführerischen Schokolade bis zum Zeit und Geld fressenden Medienkonsum müssen wir uns erst mühsam abringen.

Auswandern aus Abhängigkeiten

Manche Christen pflegen bewusst persönliche Fastenzeiten, um sich immer wieder neu auszurichten auf Gott als den eigentlichen Wertmaßstab ihrer Existenz. Doch wer konsequent verzichtet, wird zwangsläufig mit seinem "ungeschminkten Ich" konfrontiert. Das allerdings ist Bedingung für eine grundlegende Neuausrichtung des Lebens.

Pater Anselm Grün schreibt dazu: "In der Fastenzeit geht es darum, stehen zu bleiben und sich vor Gott selbst auszuhalten. Wer in der Stille auf Gott hört, der wird von Gott in Bewegung gesetzt. Gott selbst führt ihn zur Umkehr. Die Umkehr beginnt mit dem Umdenken. Die Fastenzeit lädt uns ein, in der Stille auszuwandern aus Abhängigkeiten und umzukehren auf den Weg des Lebens."

Der Begriff "Verzichten" kann individuell ganz unterschiedlich gefüllt werden. Für den einen bedeutet es ein Kloster auf Zeit. Für den anderen eine Woche auf Essen, Termine oder Mobilität zu verzichten und sich dadurch Zeitinseln zu erobern, um sich selbst und anderen Zeit zu schenken.

Christen, die bewusst Ruhe in die Unruhe ihrer Alltäglichkeit einbauen, berichten oft von außergewöhnlichen Gotteserfahrungen. So auch Ralf Fiebiger, Diplom-Geologe und ehemaliger Alkoholiker, der heute als ehrenamtlicher Suchtkrankenhelfer des Blauen Kreuzes tätig ist: "Stille Zeit ist Gnadenzeit für mich. Stille kann schreien, dass es schmerzt, aber Stille kann auch heilen und so unendlich viel Frieden und Kraft geben.

Gott hat mir in der Stille, in der Einsamkeit des Schweigens viele Antworten gegeben auf Dinge meines vergangenen Lebens. Ich habe Segnungen erkannt, die mir zuteil wurden, aber auch Richtlinien für meine Zukunft. Hier habe ich die Kraft und Gnade erfahren, Grenzen zu überschreiten, auszuhalten, meinem wahren Ich gegenüberzutreten und es anzunehmen. Ich habe Seiten an mir entdeckt, die ich am liebsten nie gesehen hätte. Aber gerade und wohl dadurch erfuhr ich, wie Gott mich immer gehalten hat, und dass ich auch weiterhin auf ihn bauen kann."

Neu genießen

Wer verzichtet, meidet Annehmlichkeiten des Lebens. Doch er gewinnt unbestreitbar dazu: an Gesundheit an Leib und Seele, an Zeit, an Sensibilität der Sinne, an Freude und Lebensmut, an Selbstliebe und an Nächstenliebe.

Verzicht hilft, Dinge zu unterscheiden, Entscheidungen zu treffen, sich über die eigene Beziehung zu Gott klar und vor sich selbst ausgeglichener zu werden. Doch wie damit anfangen? Heike Laura Adolff schlägt in ihrem "Fastenlesebuch" vor, zunächst mit einer aufmerksamen Wahrnehmung dessen zu beginnen, was in einem selbst und in seiner Umwelt geschieht und wie es geschieht: "Der Verzicht auf diese alltäglichen Routinen erlaubt ein genaues Hinspüren zu dem, was einem begegnet und wie man es aufnimmt und verarbeitet. Ferner zu unterscheiden, was zu welcher Zeit wirklich brauchbar und notwendig ist."

Verzicht ermöglicht es, die Lebensinhalte neu zu ordnen, Prioritäten festzulegen und für sich herauszufinden, was wirkliche Lebensqualität ausmacht. Mit weniger auskommen und darüber neu entdecken, wie viel neuer Genuss und Segen damit verbunden ist, ist das Privileg des Verzichts.

Manuel Liesenfeld
aus: Chrischona-Magazin 10/2005

Fragen zum Schwerpunktthema dieser Ausgabe "Vom Mehr zum Weniger":

  1. Haben Sie sich schon einmal an einer Fastenaktion beteiligt?
  2. Auf was könnten Sie sich vorstellen, in der Fastenzeit 2007 zu verzichten?
  3. Welche Gewohnheiten haben sich in Ihrem Leben eingeschlichen, die Ihnen gut tun, Sie aber vielleicht auch behindern?
  4. Welche positiven Effekte für Ihr Leben könnte ein zeitweiliger Verzicht darauf haben?



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