Leseprobe November 2006


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Manches Ende ist ein Anfang

Peter und Martina Gutwasser sind dankbar für die neue Chance

Auch jenseits der 50 macht Peter Gutwasser auf dem Tennisplatz noch eine gute Figur. Und das, obwohl er nur noch selten zum Schläger greift. In seiner Jugend gehörte er zu den talentiertesten Tennisspielern der DDR. Doch er träumt vom Westen. Bei einem Turnier in Jugoslawien setzt er sich ab. Als er seine Heimat besucht, verliebt er sich in Martina. Nach dem siebten Ausreiseantrag darf Martina zu ihm gehen.

Endlich gemeinsam im Westen, erfüllt sich für die beiden ein Traum nach dem anderen. Im gemischten Doppel sind sie zu Turnieren in der ganzen Welt unterwegs. Dann die Hochzeit, zwei Töchter, ein schickes Haus. Nach dem Studium nimmt Peter Gutwasser eine Stelle als Sportlehrer an, gibt daneben Tennisstunden, erarbeitet sich damit den erträumten Wohlstand. Sich selbst sieht er als Macher. „Das hast du alles alleine geschafft“, diese Lebenseinstellung entwickelt sich zu seinem Leitbild.

Doch mit den Jahren weicht die Lebensfreude immer mehr dem Krampf. „Was ist, wenn ich all das Erreichte wieder verliere?“ Er spürt eine schwere Last auf seinen Schultern, arbeitet bis an die Grenzen der Belastbarkeit. Das verdiente Geld gibt Sicherheit und Anerkennung. Zwischendurch belohnt er sich selbst für seinen Fleiß mit reichlich Bier. Auch seine Frau, so glaubt er, müsse ihm doch dankbar dafür sein. Aber Martina Gutwasser fühlt sich von ihrem Mann allein gelassen. Manchmal gibt er noch vor Schulbeginn die ersten Tennisstunden und kommt abends immer später nach Hause.

Nach außen spielen die Gutwassers weiter das Vorzeigepaar. Doch unter der Oberfläche sieht es ganz anders aus. Mit der Zeit kann Peter Gutwasser seinen Alltag nur noch unter Alkohol ertragen. „Ich holte schon morgens früh, wenn meine Frau im Bad war, die erste Dose Bier aus dem Nachttisch.“ Martina merkt, dass ihr Mann Alkoholiker ist. „Aber ich habe mich nicht getraut, mit jemandem darüber zu sprechen, sondern mich in die Rolle der Leidenden gefügt.“ Erst nach zehn Jahren nimmt sie zum ersten Mal Kontakt mit dem Blauen Kreuz und den Anonymen Alkoholikern auf. Schon bald darauf erreichen die Eheprobleme ihren dramatischen Höhepunkt.

Es ist das Jahr 1996. Wieder einmal hat Peter Gutwasser getrunken, wieder einmal gab es Streit mit seiner Frau. Am frühen Sonntagmorgen will er einfach nur noch raus. Mit 2,5 Promille setzt er sich ans Steuer seines BMW und braust davon. Hauptsache weg. Er hat sein Leben im Griff, genau wie seinen Wagen, davon ist er überzeugt. Ein folgenschwerer Irrtum. Nach wenigen Minuten verliert er die Kontrolle über das Fahrzeug und rast gegen einen Baum. Wie durch ein Wunder bleibt er fast unverletzt.

Zur selben Zeit packt Martina zu Hause die Koffer. Sie ist fest entschlossen, ihren Mann zu verlassen. Auf dem Weg zu ihren Eltern fährt sie an der Unfallstelle vorbei, sieht, wie der Wagen ihres Mannes abgeschleppt wird. Von der Polizei erfährt sie, was passiert ist. Doch das ändert nichts an ihrem Entschluss. Sie kann einfach nicht mehr, fährt weiter. Am nächsten Tag steht Peter plötzlich vor der Tür ihrer Eltern. Er will noch einmal mit Martina reden. „Zum ersten Mal konnte ich zugeben, dass ich Hilfe brauche. Der Familie zuliebe war ich sogar bereit, eine Therapie zu machen.“ Tatsächlich lässt er sich in eine psychosomatische Klinik einweisen.

Als er dort eintrifft, hat er aber nur eines im Sinn: das Ganze so schnell wie möglich hinter sich zu bringen. Mit der Entgiftung will er seine Schuld abtragen und dann wieder gehen. Doch es kommt alles ganz anders. Das liegt vor allem am Chefarzt der Klinik. Der bibelfeste Mediziner macht aus seinem christlichen Glauben kein Hehl. Eines Tages erzählt er Peter Gutwasser davon, wie Jesus einen Blinden geheilt hat - und die Geschichte schlägt ein wie eine Bombe: „Plötzlich wurde mir klar: Ich bin bisher blind durchs Leben gerannt. Aber wenn ich um Hilfe bitte, dann kann ich vielleicht wieder klar sehen.“

Der Karrieremacher erkennt seine eigene Schwäche. „Das war so befreiend. Ich fühlte mich zum ersten Mal angenommen, ohne dass ich etwas dafür tun musste. Ich hatte das Gefühl, auf einmal viel mehr Luft zu bekommen und konnte mich anderen Menschen offenbaren.“ Eine große Last fällt ihm von den Schultern.

Als Martina Gutwasser ihren Mann nach zwei Wochen zum ersten Mal in der Klinik besucht, ist sie verblüfft. „Papa ist ein anderer geworden“, berichtet sie ihren Kindern. Nach dem Abschluss der Therapie beginnen beide Ehepartner, sich intensiv mit der Bibel und dem Glauben zu beschäftigen. Die Frage nach Gott - für den „gelernten Atheisten“ Peter Gutwasser hat sie sich bisher nie gestellt. Jetzt besucht er gemeinsam mit seiner Frau Gottesdienste und andere christliche Veranstaltungen. Mit der Zeit erkennen beide: Es geht nicht um eine undefinierbare höhere Macht, sondern um einen konkreten Gott, der eine persönliche Beziehung zu ihnen haben möchte. Und Jesus ist nicht nur eine historische Gestalt, sondern der Mensch gewordene Gott.

An einem Abend beschließt Martina Gutwasser unter Tränen, diesem Jesus die Führung in ihrem Leben zu übergeben. Ein Jahr später tut Peter Gutwasser den gleichen Schritt. Trotzdem sind die folgenden Monate nicht leicht. „Ich musste meinen Mann nach über zwanzig Jahren Ehe ganz neu kennen lernen“, erinnert sich Martina. Rückschläge und gegenseitige Verletzungen bleiben nicht aus. Doch der neu gewonnene Glaube gibt beiden die Kraft, nicht aufzugeben. Sie erkennen, dass sie nicht alles alleine schaffen müssen.

Nach all den Jahren haben die Gutwassers ihr Lebensglück gefunden. Allerdings nicht dort, wo sie zunächst gesucht haben - in Wohlstand und Anerkennung, sondern in einem kindlichen Glauben an den Gott der Bibel. Neben dem Baum, an dem Peter Gutwassers Leben um ein Haar ein Ende gefunden hätte, hat er vor einiger Zeit einen Stein vergraben. Darauf stehen, mit zitternder Hand geschrieben, fünf Wörter: „Danke für die neue Chance!“

aus: Stefan Loß, Ingo Marx: Hof mit Himmel 2,
© R. Brockhaus Verlag Wuppertal, 3. Auflage 2005

Fragen zum Schwerpunktthema dieser Ausgabe „Manches Ende ist ein Anfang“:

  1. Gab es eine Situation in Ihrem Leben, in der Sie keine Hoffnung mehr hatten und Ihnen alles aussichtslos erschien?
  2. Wie sind Sie in diesem Moment mit der Hoffnungslosigkeit, mit Ihrer Angst vor der Zukunft, mit Ihrer Trauer und Sorge umgegangen?
  3. Inwiefern hat diese schwere Zeit Sie doch positiv geprägt?
  4. Auch Jesu Tod am Kreuz ist sein Ende, doch für die Menschen machte er dadurch einen Neuanfang mit Gott möglich. Wie geht es Ihnen, wenn Sie über diese Parallele nachdenken?



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