Leseprobe September 2006


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Für andere beten

Das Gebet schenkt Hoffnung, aber keine Problemlösungsgarantie

Christoph hat eine Malerlehre im Sauerland begonnen. „In mir ist Freude und Gewissheit, es gibt einen Gott, der Gebete erhört“, schreibt seine Mutter Marlies. Diese Erfahrung hat sie im Leben ihres Sohnes gemacht. „Die Zeit nach der Wende war für unseren Sohn voller Turbulenzen. Er wurde, wie viele Jugendliche, mit Drogen und Gruppierungen der Rechten konfrontiert. In dieser Zeit war das Gebet unsere einzige Chance. Wir mussten Christoph loslassen, ohne ihn allein zu lassen. Unsere Begleitung in dieser Situation war für ihn wichtiger als Vorwürfe und Belehrungen, aber er musste selbst aus seinen Problemen herausfinden. Das Gebet wirkte. Er war bereit, weg zu gehen und ein neues Leben zu beginnen.“

Auch die drei folgenden Artikel berichten von Menschen und ihren Erfahrungen, als sie für andere beteten. Eltern, die über Jahre für ihren drogenabhängigen Sohn beten, ja zu Gott um Hilfe schreien, weil sie keinen Ausweg mehr sehen. Eine junge Frau, die für ihre unter Rückenschmerzen leidende Arbeitskollegin betet, sowie ein Ehepaar, das für einander betet. Manches Gebet scheint Gott sofort zu erhören. Andere Beter benötigen jahrelange Geduld, ehe sich eine Veränderung zeigt. Das Gebet gibt keine Problemlösungsgarantie, doch es bürgt für spannende Erfahrungen mit sich selbst und mit Gott.

Ein Wunder wie aus einem Bilderbuch

(Ausschnitt - ein Artikel)
Da war er - Hiskia, unser erstes Kind, Baujahr 82, blond, blauäugig, ein Sonnyboy von Anfang an - von Anfang an auf Leben eingestellt. Er war sportlich und verbrachte den größten Teil seiner Freizeit im Freien. Hiskia war liebenswert, aber schwierig, und wenige Pädagogen in der Grundschule fanden einen Zugang zu seinem Herzen.

Dann zogen wir nach Dresden. Dort arbeitete ich im Jugendpfarramt, unter anderem auch mit Straßenkindern. In Dresden musste sich Hiskia für eine Schule entscheiden, als leidenschaftlicher Fußballer wählte er das Sportgymnasium. Mit elf Jahren entschied er sich, mit Jesus zu leben.
Seine schulischen Leistungen waren gut - die sportlichen ebenfalls, bis er 12 oder 13 Jahre alt war. Da kam urplötzlich ein Leistungsabfall, der sich mehr und mehr verstärkte. Mit 15 war er nächtelang weg, kam zugekifft nach Hause, log wie gedruckt. Es kam immer mehr heraus, was er eigentlich liebte: weniger Sport, mehr Freiheit und noch mehr Drogen. Seine Klamotten ließen immer mehr auf die Szene schließen.
Einige Male bin ich ihm nachgefahren und habe Dinge gesehen, die ich besser verschweige. Allmählich wussten wir uns keinen Rat mehr. In einer Nacht mit minus 20 Grad habe ich ihn in ganz Dresden gesucht. Polizei und Rundfunk gaben eine Suchmeldung durch. Wir hatten Angst, pure, unbeschreibliche Angst, er könne irgendwo zugekifft liegen und erfrieren.

Viele Menschen haben uns nicht verstanden - kaum einer konnte uns helfen. Wir suchten unser Heil in Spielregeln und gelegentlichen Gesprächen mit ihm, die meist aggressiv endeten, falls es überhaupt zum Gespräch kam. Vor allem aber lernten wir beten. Wir waren immer wieder am Ende. Viele Nächte weinten wir und beteten. Wir schrieen zu Gott. Woher sollte uns sonst noch Hilfe kommen?
Die schulischen Leistungen wurden immer schlechter. Hiskia wanderte vom Sportgymnasium über die Sportmittelschule zur Hauptschule. Er akzeptierte keinerlei Spielregeln und rastete immer mehr aus.
Dann kam für mich nach sieben Jahren in Dresden ein Stellenwechsel nach Niedersachsen. Am neuen Wohnort suchte er sich sofort wieder die falschen Freunde und während dieser ganzen Eskapaden schaffte er mit Mühe und Not seinen Abschluss. Auch die „weichen“ Drogen fraßen Löcher ins Hirn.

Nach der Hauptschule kam erneut eine Gammelzeit. Die jüngeren Geschwister litten teilweise ängstlich unter seinen Launen und Ausbrüchen. In der schlimmsten Periode war er wieder mehrere Tage verschwunden. Das war das erste Mal, dass meine Frau und ich gleichzeitig am Ende waren. Wir konnten einfach nicht mehr.
Weinend, schluchzend knieten wir nachts um zwei am Bett und beteten, dass Gott uns doch irgendwie einen Hinweis geben sollte, wo Hiskia war. Zwei Minuten später rief Hiskia an. Er konnte sich kaum ausdrücken, aber ich habe ihn verstanden. Er sagte: „Papa, kannst du mich holen?“, und sagte mir, wo.

Die harte Schule in der Drogenarbeit sagte: Nein! Aber ich bin und bleibe sein Vater. Ich habe ihn abgeholt. Er konnte kaum aus eigener Kraft in den VW-Bus steigen. Monate vergingen, und ich drohte ihm an, ihn raus zu werfen, wenn er nicht wenigstens einen Job oder sonst etwas beginnen würde. Die Familie litt, die Ehe litt und ich war langsam zu allem entschlossen.
Da kam Hiskia eines Tages aus seinem Zimmer und sagte: „Du Papa, ich hab’s jetzt satt, ich geh jetzt arbeiten und mache auch die mittlere Reife nach.“ Das war ein Riesenwunder. Ich glaubte ihm. Und ich behielt Recht: Er suchte sich eine Arbeit und besuchte die Abend-Realschule, die er mit Erfolg abschloss. Ein Geschenk für die ganze Familie, ein Wunder wie aus einem Bilderbuch.

Heute braucht Hiskia keine Drogen mehr und lernt im dritten Lehrjahr in Niedersachsen. Wir sind täglich dankbar für seine Umkehr zum Leben. Er sagte mir in einer Kneipe: „Ich glaube, ich brauche Jesus“, ohne den er - und ich denke, vor allem wir Eltern - nahezu krepiert wären. Vor einiger Zeit sagte Hiskia zu mir: „Du, Papa, weißt du, egal, wo ich war und was ich für einen Scheiß gebaut habe, ich hab immer gewusst, dass ihr mich liebt.“

Michael Pietras
aus: Alexa Länge (Hrsg.), Hoffendlich, Brunnen Verlag Gießen

Fragen zum Schwerpunktthema dieser Ausgabe „Alkopops zum Frühstück“:

  1. Wissen Sie von anderen Menschen, die für Sie persönlich beten?
  2. Haben Sie selbst auch schon konkret für ihre Ehe, für Freunde, Familie und Arbeitskollegen gebetet?
  3. Welche Erfahrungen haben Sie dabei gemacht?
  4. Manchmal benötigen Beter viel Geduld, ehe sie eine Veränderung spüren.
    Was hilft Ihnen, ein Gebetsanliegen nicht aufzugeben, sondern mit Gott darüber im Gespräch zu bleiben?



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