Leseprobe August 2006


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Alkopops zum Frühstück

Anna hat es geschafft, vom Alkohol wegzukommen und wünscht sich ein normales Leben

Sie hat sich hübsch gemacht: Die Haare rötlich getönt, Lippen und Augen dezent geschminkt. Wir sitzen im Mädchen-Treffpunkt „Leben lernen", einer Einrichtung der Diakonie in Berlin-Schöneberg. Anna (Name geändert) hat den Treffpunkt vorgeschlagen, denn hier hat die 19-Jährige wieder gelernt, was es heißt zu leben.

Mit 17 stand Anna eines Tages vor der Tür der diakonischen Beratungsstelle. „Ich war total am Ende, ich wusste nicht mehr weiter und brauchte dringend Hilfe", erinnert sie sich. Damals war sie drogenabhängig, Alkoholikerin und lebte auf der Straße. Anna bezeichnet ihr Leben als „eine einzige Achterbahn". Oder auch als „Katastrophe".

Als sie geboren wurde, war die Mutter Alkoholikerin. „Sie machte einen Entzug und wurde rückfällig. Die Sauferei nahm unglaubliche Ausmaße an und zerstörte unser Leben", erzählt Anna. „Meine Mutter brachte ständig wildfremde Männer mit in unsere Wohnung. Es war so eklig und total versifft. Überall standen Flaschen und es stank nach Schnaps."

In der Schule wurde sie gehänselt, weil sie die Kleidung ihrer Mutter tragen musste. Geld für Kindersachen war nicht da. Auch nicht für Essen und Trinken. „Ich habe oft verschimmeltes Brot gegessen oder trockene Reiskörner gekaut."

Anna spricht sehr schnell, so als müsste sie diese Erinnerungen ganz schnell hinter sich bringen. Sie sagt, dass dieses Leben für sie ganz normal war. „Ich kannte nichts anderes." Auch, dass sie mit zehn Jahren selbst anfing zu trinken, war „normal". „Meine Mutter trank, meine Großmutter auch und ich kam dann in einen Freundeskreis, da hatte immer jemand Alkohol."

Alkopops zum Frühstück, das gehörte dazu. Aber auch alle möglichen anderen Drogen hat Anna konsumiert. „Eben alles, was so angeboten wurde, außer Heroin." Das Geld dafür hat Anna ihrer Mutter geklaut oder sich auf der Straße zusammen geschnorrt. „Meine Mutter hat nichts gemerkt, sie war ja immer besoffen", sagt sie.

Und wie ging es mit der Schule? Anna lacht: „Nur wenn ich Lust hatte, bin ich zur Schule gegangen und irgendwann haben die Lehrer auch nicht mehr gefragt." Anna wächst ohne Liebe und Geborgenheit auf, ohne mal in den Arm genommen zu werden. Ein Mädchen, das versucht, darüber hinwegzukommen, indem sie sich mit Alkohol und Drogen betäubt.

Wie ist das auszuhalten? „Ich habe es nur ausgehalten, weil ich nichts anderes kannte. Ich wusste gar nicht, dass es Mütter gibt, die nicht saufen, die einkaufen gehen und für ihre Kinder kochen." Anna schaut aus dem Fenster. „Wenn ich davon jemandem erzählen kann, fällt auch eine Last von mir ab, es ist eine Art Befreiung", sagt sie und erinnert sich an Tage und kalte Nächte, in denen sie auf der Parkbank gepennt hat. „Ich habe mich zusammengerollt und gefroren wie ein Schwein. Aber mit Schnaps schaffst du das." Im Mädchenprojekt „Leben lernen" lernte Anna Menschen kennen, die nicht saufen, nicht drogenabhängig sind. Sie ist 17, als sie einen Neuanfang macht. Anna erzählt und erzählt. Immer wieder fallen ihr Geschichten ein: Wie sie eines Tages jemanden traf, der gesagt hat: „Hey Anna, was du hier machst, ist nicht normal, du musst mal wieder zur Schule gehen. Lass den Alkohol und die Drogen, mach eine Therapie." Nie wird sie ihren Einzug in eine betreute Wohnung vergessen, wo es warm war, wo der Kühlschrank gefüllt war und es ein richtiges Bett gab.

Anna geht wieder zur Schule. Vor kurzem hat sie ihren Hauptschulabschluss gemacht. Und sie will weiter lernen. Hin und wieder gibt es Abstürze. „Ich verliebe mich immer in Typen, die trinken und die wollen, dass ich auch trinke, und manchmal tue ich das eben", sagt sie. Und dass sie manchmal halluziniere. „Das kommt wohl vom Alkohol."

Eine gewisse Stütze hat sie jetzt sogar in ihrer Mutter. Dieselbe Frau, die sie jahrelang vernachlässigt hat, die gesoffen hat, statt Mittagessen zu kochen? Anna strahlt. „Meine Mutter hat auch ein neues Leben angefangen. Sie ist weg von der Flasche und will sich gerade selbstständig machen." Heute schaffen es die beiden, sich in den Arm zu nehmen. Über die Vergangenheit reden können sie noch nicht.

Und die Zukunft? Wird Anna irgendwann ganz normal leben können? Die 19-Jährige zuckt mit den Schultern. „Niemand weiß das, es ist zu viel passiert", sagt sie. „Aber eine Familie wäre schon toll. So richtig mit Mann und Kindern, eben ganz normal."

Monika Herrmann
aus: Die Kirche 10/2006

Fragen zum Schwerpunktthema dieser Ausgabe „Alkopops zum Frühstück“:

  1. Manche Kinder sitzen endlos vor dem Fernseher, 10-Jährige rauchen auf der Straße, Komatrinken ist „in":
    Warum testen und probieren viele Jugendliche Zigaretten, Alkohol und Drogen?
  2. Was denken Sie: Sind Jugendliche aus christlichem Elternhaus weniger suchtgefährdet?
  3. Wie können Eltern ihre Kinder gegen Süchte stärken?
  4. Was tun, wenn das eigene Kind zu Drogen oder anderen Suchtmitteln greift?



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