Leseprobe Juni 2006 |
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Minderwertigkeitsgefühle, Scham, Selbstunsicherheit – die Lebensgeschichte von Inge Westermann füllt bis heute 63 Tagebücher. Aufzeichnungen, die beschreiben, wie sie fast 25 Jahre lang in starker Abhängigkeit von anderen Menschen lebte und wie sie Halt im Leben und gleichzeitig persönliche Freiheit fand.
Inge Westermann wächst in der Nähe eines wunderschönen Bauernhofes auf. Eigentlich ist alles wie im Bilderbuch. Doch die Idylle hat Schattenseiten: Als Jüngste hat die kleine Träumerin mit ihren fünf älteren Geschwistern kaum etwas zu tun. Ihr Vater ist Tischler und den ganzen Tag in der Werkstatt. Selten kommt er früh nach Hause, lieber geht er in die Kneipe. Die Mutter steht mit Haushalt und Familie alleine da. Inge ist mehr oder weniger sich selbst überlassen. Zuwendung, Wärme und Austausch fehlen ihr.
Ihr Leben empfindet sie wie hinter einer Glasscheibe. Verlassenheitsgefühle machen sich breit. Ständig hat sie das Gefühl zu stören und unerwünscht zu sein. Sie beginnt sich für sich selbst zu schämen.
Über die Jahre werden die Spannungen zu Hause immer unerträglicher. Irgendwie herrscht ständig dicke Luft. Mit zwölf begreift Inge plötzlich wieso: Ihr Vater ist alkoholabhängig. Seine Sucht ist es, die diese Launen mit sich bringt. Mittlerweile hat Inge sensible Antennen dafür entwickelt, die Stimmungen anderer Menschen zu erspüren.
Doch während sie nach Beachtung und Anerkennung hungert, bekommt sie selbst keine eindeutige Botschaft, die ihr Liebe und Annahme signalisiert: „Bereits in der Grundschule hatte ich die Erfahrung gemacht, dass mein Vater mich beachtete und lobte, wenn ich gute Noten nach Hause brachte. Gleichzeitig, meistens dann, wenn er getrunken hatte, warf er mir Überheblichkeit vor, und dass ich mir wohl einbilden würde, etwas Besseres zu sein.“
Diese Unberechenbarkeit legt sich wie Blei auf Inges Herz. Voller Schuldgefühle zieht sie sich zurück. Freunde werden ihr zweites Zuhause, die Clique zur Ersatzfamilie.
Als Jugendliche ist sie viel mit Schulkameraden unterwegs, treibt sich auf der Straße oder auf Partys herum. Aber Inge ist die Gemeinschaft mit anderen Menschen nicht gewöhnt. Sie ist unsicher und schüchtern. Doch schon bald hat sie eine Strategie, die ihr hilft, Komplexe und Minderwertigkeitsgefühle zu überspielen: Mit Hilfe von coolen Sprüchen schlüpft sie in verschiedene Rollen und zieht ihre Show ab.
Zu ihrer Verwunderung reagieren die anderen darauf positiv. Auf einmal ist sie beliebt, besonders bei den Jungs. Sie mag das Gefühl, begehrt zu sein und kokettiert mit ihrem Äußeren. Ihr Innerstes jedoch versteckt sie vor Scham und aus Angst vor Ablehnung.
Mit 13 hat sie ihren ersten Freund. Körperlich wie seelisch bleibt sie aber in der gesamten Beziehung auf Abstand. Sie hat nie gelernt, was Beziehung ist und wie sich das anfühlt. So macht ihr Freund schon nach drei Monaten Schluss – wegen einer anderen. Für Inge bricht eine Welt zusammen. Kurzerhand sucht sie sich einen neuen Freund, um ihr inneres Vakuum zu füllen.
Sie lernt den vierzehnjährigen Kai kennen. Er ist auch der erste Junge, mit dem Inge schläft. Die neue Liebe lenkt zunächst vom Schmerz ab. Doch auch er trifft sich mit anderen Mädchen. Um sich keine Blöße zu geben, macht Inge diesmal nach kurzer Zeit selbst Schluss. Das erneute Scheitern nagt sehr an ihr. Die Minderwertigkeitskomplexe nehmen zu. Eifersucht und Neid verstärken sich. Die scheinbare Lösung: der nächste Freund.
Ihr Verlangen nach Anerkennung von anderen, besonders von Männern, nimmt überhand. Inge gerät mehr und mehr in eine Falle: Beziehungen werden ihr Halt, ihr Lebensinhalt, ihre Sucht. Inge verwechselt Liebe mit Leidenschaft und wird lieber verletzt, als die Dumpfheit von Einsamkeit zu ertragen – ein Teufelskreis.
Zwei Schwangerschaftsabbrüche folgen. Inge fällt in ein tiefes Loch. Gedanken an Selbstmord quälen sie. Sie steht am Abgrund. So lange quält sie sich schon in den Fesseln der Abhängigkeit nach Anerkennung. Nie hat sie die Freiheit erfahren, sich selbst zu mögen. Ihre Identität liegt tief verschüttet, denn in der Kindheit machte sie sich „unsichtbar“ und später löste sich ihre Persönlichkeit völlig in der ihrer Partner auf.
Außerdem lebte Inge ständig über ihre Grenzen. Aus Angst zu versagen, dachte sie, sie müsse perfekt sein. Eine logische Konsequenz für jemanden, der schon so früh das Prinzip „Liebe für Leistung“ zu spüren bekommen hat. All ihre Masken haben letztendlich zur Selbstentfremdung geführt, und schlimmer noch: dies hat auch anderen die Chance genommen, die echte Inge kennen und lieben zu lernen.
In dieser Zeit begegnet ihr in einer kleinen Broschüre das biblische Gleichnis vom verlorenen Sohn. Irgendwie kann sie sich mit dieser Person identifizieren und ahnt: „Ich gehöre irgendwohin, ich habe ein Zuhause, nur muss ich wieder dorthin zurückfinden.“ Mit Hilfe der Bibel begibt sie sich auf die intensive Suche nach Gott. Sie verfängt sich in einem religiösen Labyrinth verschiedener Lehren und kommt Gott doch nicht näher.
Inge wird müde. Sie braucht eine Auszeit. Zum Ausspannen fährt sie in eine Pension, die „zufällig“ ein christliches Haus ist. Die Bücher, die sie dort findet, konfrontieren sie mit der Frage: „Was war falsch an meinem Gottesbild? Oder ging es bei all dem um diesen Jesus, der mir in der Bibel und den kurzen Geschichten so hoffnungs- und kraftvoll entgegenleuchtete?“
Am Abgrund ergreift Inge diese Wahrheit und damit direkt die Hand Gottes. Es ist der 18. August 1994, an dem Inge auf die Knie geht und betet: „Jesus, ich möchte mich öffnen für deine Liebe. Ich habe Angst vor deiner Nähe, Angst vor der Verantwortung, die daraus erwächst. Doch wie heißt es so schön: Schlimmer als das, was ich bisher erlebt habe, kann es für mich nicht werden.“
Mehr und mehr lernt Inge nun, mit ihrer Furcht vor Menschen umzugehen und ihnen zunehmend mit ihrem wahren Selbst zu begegnen. Sie lernt sich selbst kennen, mit ihren Stärken und Talenten, aber auch mit ihren Schwächen und Begrenzungen. Sie beginnt, ihre eigenen Bedürfnisse zu formulieren und macht die Erfahrung: „Ich mag mich – und ich habe Freunde. Gott hat mich wunderbar erschaffen und ich habe einen wichtigen Auftrag: von dem weiterzugeben, was mir geschenkt worden ist.“
Sigrid Röseler
aus: NEUES LEBEN – Das christliche Ratgebermagazin.
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