Leseprobe Mai 2006 |
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Hans trifft im Baumarkt einen Bekannten aus der Blaukreuz-Gruppe, der allerdings schon einige Wochen nicht mehr zur Selbsthilfegruppe gekommen ist. Hans ist etwas unter Zeitdruck und fragt nach einem kurzen Geplauder: „Gerhard, komm doch morgen einfach mal wieder zur Blaukreuz-Stunde. Wie wär’s?“
Gerhard kann diesen Satz unterschiedlich verstehen – mit dem Sachohr, dem Beziehungsohr, dem Selbstoffenbarungsohr oder dem Appellohr.
Sachlich würde Gerhard diese Aussage wie folgt auffassen: „Morgen Abend ist wieder Gruppenstunde, kommt doch mit, wenn du Zeit und Lust hast.“ Sein Beziehungsohr hört: „Schade, dass du schon so lange nicht zur Blaukreuz-Stunde gekommen bis. Gerhard, wir würden uns freuen, wenn du morgen mal wieder vorbei schaust.“ Im Selbstoffenbarungsohr klingt die Frage von Hans vielleicht so: „Ich gehe nach wie vor zum Blauen Kreuz, ich brauche die Gemeinschaft und fühle mich wohl dabei. Und du?“ Mit dem Appellohr versteht er: „Gerhard, nur mit der Gruppe schaffst du es, auf Dauer trocken zu bleiben.“
So wie Gerhard hört jeder Mensch je nach Situation auf dem einen oder anderen Ohr besser. Jeder Mensch bevorzugt aber auch eins der vier Ohren und benutzt es besonders häufig.
Das Sachohr hört die nackten Fakten und interessiert sich nur für die mitgeteilte Information. Es geht um den reinen Informationsaustausch. Gefühle und die Beziehung der Gesprächspartner spielen kaum eine Rolle. Vor allem Männer hören häufig mit dem Sachohr.
Petra: „Morgen komme ich leider erst etwas später zur Arbeit.“
Stefan: „Kein Problem, wenn jemand nach dir fragt, werde ich dich entschuldigen.“
Stefan hört mit dem Sachohr. Er kommt gar nicht auf die Idee nachzufragen, warum Petra später kommt. Petra hätte sich gefreut, wenn Stefan ihre Aussage mit dem Beziehungsohr gehört hätte und sich für den Hintergrund interessieren würde. Doch Stefan weiß nicht, was Petra denkt und sich wünscht.
Es ist eine Kunst, zwischen dem Gesagten herauszuhören, ob und welche Botschaft sich zudem dahinter verbirgt. Will Petra den Grund ihres Zuspätkommens verheimlichen? Will sie loswerden, was sie beschäftigt, aber Stefan nicht unvorbereitet damit belasten? Oder will sie Stefan nur neugierig machen? Doch grundsätzlich ist es richtig, nur auf das direkt Gesagte zu reagieren. Gleichzeitig sollte der andere das aussprechen, was er mitteilen will.
Marie: „Klara, du bist so gut drauf.“
Klara: „Ach so, soll das heißen, ich bin sonst nicht gut drauf, oder was?“
Wer mit dem Beziehungsohr hört, fragt sich: Was hat das Gesagte mit mir zu tun? Schnell kann es zu Verletzungen kommen; der Zuhörer beginnt zu grübeln, fühlt sich beleidigt, angegriffen oder aber auch ermutigt und bestätigt. Frauen hören häufiger mit dem Beziehungsohr als Männer.
Klara hätte auch antworten können: „Du hast recht. Mir geht es gut, weil …“ Aber ihre Reaktion ist unfreundlich. Die Art, wie sie reagiert, verrät etwas über ihr Verhältnis zu Marie. Die Beziehung zwischen den beiden Frauen scheint angespannt zu sein. Jetzt ist es entscheidend, wie Marie reagiert. Muffelt sie zurück und es kommt zum Streit. Oder sagt sie offen, dass sie Klara mit dieser Aussage nicht angreifen wollte und dass sie über ihre eingeschnappte Antwort sehr verwundert ist. Offenheit ist nicht immer einfach, aber meist am wirkungsvollsten.
Ingo zu seiner Frau: „Ich muss für das Treffen heute Abend noch tausend Dinge vorbereiten. Also nerv mich jetzt bitte nicht mit dem ungemähten Rasen. Das hat Zeit bis morgen!“
„Was ist das für ein Typ? Was gibt er mit dem Gesagten über sich preis?“ Diese Fragen versucht derjenige zu beantworten, der mit dem Selbstoffenbarungsohr hört. Ingos Frau erkennt, dass Ingo gerade im Stress ist und deswegen so gereizt reagiert. Sie beschließt, ihren Mann nicht bei seiner Arbeit zu stören. Mit dem Beziehungsohr wäre sie vielleicht beleidigt gewesen, warum Ingo aus dem Nichts so schroff ist. Wer sich unsicher ist, mit welchem Ohr er eine Aussage verstehen soll, fragt am besten nach: „Was ist los mit dir?“
Martin beim Frühstück: „Ist noch Kaffee da?“
Seine Mutter: „Moment, ich setze noch schnell eine Tasse auf.“
Martins Mutter hat hinter dieser Frage sofort den Appell gehört und flitzt in die Küche. Doch vielleicht hätte Martin auch eine Tasse von dem Tee getrunken, der noch auf dem Frühstückstisch stand. Oder hat Martin mit der Frage bewusst eine versteckte Aufforderung an seine Mutter gestellt? Eine Mutter, die es jedem recht machen will, kann so sehr leicht ausgenutzt werden. Ein Mann, der unbeabsichtigt einen befehlenden Tonfall hat, kann aber auch leicht falsch interpretiert werden.
Wer von den vier verschiedenen Ohren weiß, kann Missverständnisse vermeiden und Streit vorbeugen. Es tut gut, zu beobachten, mit welchem Ohr man selbst in verschiedenen Situationen hört und mit welchem Ohr man seinen Partner, seine Eltern oder Freunde versteht.