Leseprobe April 2006


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Alkohol im Alter

Oft wird die Sucht bei Senioren verheimlicht und vergessen

Viele Menschen im Alter über 65 Jahren trinken chronisch Alkohol mit mittlerem und hohem Risiko und setzen damit ihre Gesundheit aufs Spiel. Weil die Abhängigkeit oft unerkannt bleibt oder von Angehörigen und Pflegepersonal hingenommen wird, finden nur wenige Betroffene den Weg in eine Beratungs- oder Therapiestelle. Alkoholprobleme im Alter sind ein wichtiges Thema, das mit fortschreitender Alterung der Gesellschaft an Dringlichkeit gewinnt.

Früher, als er noch auf Baustellen arbeitete, traf sich Rolf nach Feierabend mit Kollegen zum Bier. Heute geht der seit zwei Jahren pensionierte Maler meist schon am Morgen ins Wirtshaus. Die Kollegen trifft er nur noch selten, aber das Personal kennt ihn, ist freundlich zu ihm und stellt ihm anstandslos sein Bier hin - später, im Verlauf des Tages, ein zweites und ein drittes.

Wer möchte es ihm verwehren? Rolf hat sich ein Leben lang abgerackert, sein Rücken schmerzt, seine Tage sind lang und leer, also trinkt er, gegen die Schmerzen, gegen die Langeweile.

Bevölkerungsbefragungen zeigen, dass der Anteil täglich Alkohol Konsumierender mit zunehmendem Alter steigt. Bei zwei Dritteln der älteren Menschen, die ein Alkoholproblem haben, besteht dieses schon seit längerer Zeit. Etwa ein Drittel aber entwickelt dieses erst nach der Pensionierung, oft in Zusammenhang mit Schwierigkeiten beim Umgehen mit Belastungen.

Der Übergang vom Genusskonsum zum Alkoholmissbrauch und zur Abhängigkeit ist fließend. Es gibt keine genau definierte Konsummenge, bei der jemand als alkoholabhängig gilt. Das ist von Mensch zu Mensch unterschiedlich. Das Gefühl, nicht mehr auf Alkohol verzichten zu können, ist sicher ein klares Anzeichen dafür, dass man genauer hinschauen und sich an eine Beratungsstelle wenden sollte.

„Man wartet, bis es zum Notfall kommt“

Ein großer Teil der chronisch risikoreich Konsumierenden bleibt mit seinem Alkoholproblem allein, da die Betroffenen meist aus dem Arbeitsprozess ausgeschieden sind und oft reduzierte soziale Kontakte haben. Diese Konstellation begünstigt die Ausprägung einer Abhängigkeit; bei einem Drittel setzt der Alkoholmissbrauch erst nach dem 65. Lebensjahr ein. Oft bleiben die Probleme lange unentdeckt. Viele ältere Menschen tun sich ausgesprochen schwer damit, über ihre Abhängigkeit zu reden oder gar fachliche Unterstützung zu beanspruchen.

In den ambulanten und stationären Therapie-Institutionen ist der Anteil der über 65-jährigen Patienten verschwindend klein. Das hängt auch damit zusammen, dass der hohe Alkoholkonsum älterer Menschen vielfach verharmlost und beschönigt wird - und zwar nicht nur im privaten Umfeld, sondern auch in Alters- und Pflegeheimen.

Die Aussprüche „Gönnen wir ihm doch seinen Wein“ und „Es lohnt sich ja ohnehin nicht mehr, etwas zu unternehmen“ seien bei der Pflege regelmäßig gefallen, sagt die Mitarbeiterin einer Alkohol-Entzugsklinik, die zuvor lange Zeit in einem Seniorenheim gearbeitet hat.

Sie weiß aus langjähriger Pflegeerfahrung: „Oft überlegt sich das Personal gar nicht, ob eine Therapie etwas bringen würde. Man toleriert den steigenden Konsum des Heimbewohners und wartet, bis es zu einem Notfall kommt. Und dann weist man den Betroffenen in ein Krankenhaus oder in eine psychiatrische Klinik ein.“

Diese Aussagen zeigen, wie heikel das Thema ist: Niemand möchte über 65-Jährigen den Genuss von Wein, Bier oder Schnaps verwehren. Gleichzeitig besteht die Gefahr, dass ältere Menschen Alkohol als eine Art Selbstmedikation einsetzen, dass sie versuchen, durch das Trinken Schmerzen zu betäuben oder Gefühle der Einsamkeit und Perspektivlosigkeit zu überwinden.

Wer hier untätig zusieht, tut niemandem einen Gefallen, denn Alkoholkonsum löst auch in diesem Alter kein einziges Problem, ja er beeinträchtigt die Gesundheit sogar überdurchschnittlich stark.

Es ist nie zu spät, etwas zu unternehmen

Eine Therapie lohnt sich immer - auch bei Alkoholabhängigen über 65 Jahren. Zum Einen berichten Fachleute, die Therapiechancen bei älteren Menschen seien vielfach besser und es seien weniger Therapieabbrüche zu verzeichnen als bei jungen Patienten.

Zum Andern zeigt ein Blick auf die Lebenserwartung und die demografische Entwicklung, dass es unverantwortlich ist, über die Suchtprobleme älterer Menschen hinwegzusehen. Wer heute den 65. Geburtstag erlebt, hat statistisch noch 15 bis 20 Lebensjahre oder rund ein Viertel seines Lebens vor sich. Ob jemand in dieser langen Zeitspanne alkoholabhängig ist oder nicht, beeinflusst seine Lebensqualität und die seines Umfelds massiv.

Alkohol nimmt keine Last ab. Alkohol verändert eine schwierige Situation nicht zum Besseren. Im Gegenteil. Wer Alkohol trinkt, um sich besser zu fühlen, erhöht sein Risiko, immer mehr zu konsumieren. So kann eine Abhängigkeit entstehen.

Auch das Alter bringt neben der Pensionierung viele weitere Veränderungen - positive, aber auch belastende wie Krankheit und Tod nahe stehender Menschen, Schmerzen oder die Erfahrung der schwindenden Leistungsfähigkeit. Vor vielen dieser Veränderungen kann man sich nicht schützen. Aber man kann etwas tun, um mit ihnen möglichst gut umzugehen.

Ein ausgeglichener Lebensstil, der Freundeskreis, das Pflegen von Hobbys, Spaziergänge bringen Freude und helfen, den Veränderungen, die das Alter mit sich bringt, besser begegnen zu können. Es gibt Angebote für Freizeitgestaltung und Bildung, die sich an ältere Menschen richten.

Es ist für viele Menschen eine große Entlastung, mit nahe stehenden Personen zu sprechen. Oft merkt man: Ich bin nicht alleine, anderen geht es ähnlich.

sfa

Fragen zum Schwerpunktthema dieser Ausgabe „Alkohol im Alter“:

  1. Warum sind gerade auch ältere Menschen gefährdet, an einer Sucht zu erkranken?
  2. Inwiefern wirkt Alkohol bei einem älteren Menschen anders als bei einem jüngeren?
  3. Kennen Sie ältere Menschen in Ihrem Umfeld, die einen riskanten Alkohol- oder Medikamentenkonsum aufweisen?
  4. Was könnte diesen Menschen helfen, sich der Suchtgefahr bewusst zu werden und etwas dagegen zu tun?



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