Leseprobe März 2006


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Verantwortung tragen – Leiter sein

Ein starker Mensch – manchmal wird er Gruppenleiter

Es gibt einen bestimmten Menschentyp, der auch unter Alkoholkranken recht verbreitet ist. Dieser Mensch ist jemand, der sich viel um andere Menschen kümmert. Er ist gutmütig und hat viel Geduld. Er hört sich die Probleme anderer Menschen an und setzt sich mit seiner ganzen Person dafür ein, dieses Problem zu lösen. Er ist das, was man einen starken Menschen nennt.

Viele Menschen wenden sich an ihn und finden bei ihm eine Quelle der Kraft und der Energie. Wenn er selbst einmal Kummer oder Sorgen hat, denn das bleibt auch bei ihm nicht aus, dann spielt er das herunter, zeigt es nicht oder verdrängt es, damit er niemandem zur Last fällt.

Infolgedessen ist dieser Mensch sehr beliebt. Er hat viele Freunde. Sein Telefon klingelt ständig und er verbringt den größten Teil seiner freien Zeit damit, anderen zu helfen. Und dieser Mensch fühlt sich wohl in dieser Situation. Er ist rundherum zufrieden.
Bis eines Tages die Schläge kommen. Denn trotz seiner Stärke ist dieser Mensch natürlich auch nur ein Mensch und nicht gefeit gegen die Widrigkeiten des Lebens. Seine erste Reaktion auf diese Schläge ist der Versuch, diese Situation genauso zu handhaben, wie er das immer gemacht hat: Nämlich sie zu verdrängen oder herunterzuspielen.

Wenn Leiter leiden

Eine Weile klappt das auch ganz gut. Er hält die Fassade der Stärke aufrecht und wurstelt sich mehr schlecht als recht so durch. Seine Freunde zollen ihm Anerkennung für seine Tapferkeit. Doch, wie das im Leben nun einmal so ist, die Schläge häufen sich. „Ein Unglück kommt selten allein“, sagt man, und so geht es auch unserem starken Menschen.

Irgendwann gerät er in eine Situation, wo er selbst Hilfe braucht. Er sehnt sich nach einem Menschen, der sich um ihn kümmert. Das ist zwar etwas, was er selbst niemals für möglich gehalten hätte, aber es geschieht doch. Was tut er also? Das Nächstliegende natürlich. Er wendet sich an seine Freunde. Diese Menschen, um die er sich so lange Zeit gekümmert und für die er sich eingesetzt hat.

Und da macht er eine bittere Erfahrung. Seine Freunde helfen ihm nicht. Einige wenden sich ab von ihm, andere benutzen seine Schilderung seiner Schwierigkeiten, um ihm von ihren eigenen, viel schlimmeren Problemen zu berichten in der Hoffnung, selbst Hilfe zu finden. Wieder andere klopfen ihm auf die Schulter und sagen: „Ja, das Leben ist schon hart. Aber du machst das schon. Du hast es doch immer geschafft.“

Manche versetzen ihm sogar noch zusätzlich Schläge und scheinen sich regelrecht daran zu freuen, unseren starken Menschen am Boden zu sehen. Unser Mensch ist verwirrt und auch erschrocken. Er spürt, dass – wenn er so weiter macht – seine Beliebtheit im Schwinden begriffen ist. Deswegen unternimmt er rasch erneute Anstrengungen, den alten Zustand wieder herzustellen. Er demonstriert weiter Stärke nach außen, hilft und kümmert sich.

Wenn Helfer selbst Hilfe brauchen

Aber er wird immer unglücklicher dabei. Und allmählich breitet sich Verbitterung in ihm aus. „Da sieht man es mal wieder“, sagt er sich, „wenn ich mal Hilfe brauche, dann ist keiner da. Ich reiße mir ein Bein aus für andere, aber wenn ich mal jemanden nur zum Zuhören brauche, dann laufen alle weg oder jammern mir ihrerseits die Ohren voll. Niemand versteht mich! Niemand will mich verstehen!“

Ärger und Verbitterung über die anderen mehren seinen Kummer noch zusätzlich. Er beschließt voll Zorn, jetzt nie mehr etwas für andere zu tun – man sieht ja schließlich, was man davon hat – und zieht sich zurück. Ganz klappt das vielleicht nicht, denn er ist ja im Grunde ein netter Kerl, der auch gerne hilft. Aber wohl fühlt er sich nicht mehr dabei.

Was er da in seiner Situation übersehen hat und was ihn dazu veranlasst, die gesamte Menschheit über einen Kamm zu scheren, liegt im Grunde klar auf der Hand: Er hat selbst Anteil an der Situation. Was er nicht sieht oder sehen will, dass er sich die Menschen, mit denen er sich umgibt, schließlich selbst ausgesucht hat. Und dass er mit schlafwandlerischer Sicherheit aus der Menge der potentiellen Freunde genau die herausgefischt hat, die schwach sind und Hilfe brauchen.

Von hilfsbedürftigen Menschen selbst Hilfe zu erwarten, ist nicht besonders sinnvoll. Die Rollen in solchen Beziehungen sind klar verteilt. Der eine ist stark, der andere ist schwach. Nur so funktioniert die Beziehung. Wenn einer von beiden plötzlich seine Rolle wechseln will, muss die Beziehung fast zwangsläufig daran scheitern.

Folglich werden sich die Schwachen vom ehemals Starken entweder abwenden und sich jemand anderen suchen oder sie werden versuchen, ihn in seiner ursprünglichen Rolle zu bestärken, weil sie ihn brauchen. Selbst der diebische Spaß, den manche daran finden, unseren starken Menschen am Boden zu sehen, wird so erklärlich: Zuviel Stärke und Energie bei anderen zu sehen, kann – wenn man selbst in der schwachen Rolle ist – Neid und Missgunst und damit auch eine Menge Aggression hervorrufen.

Die Frage bleibt: warum sucht sich ein Mensch dann überhaupt solche Beziehungen? Offensichtlich hat er ja nichts davon. Ein Grund dafür ist sicher die Anerkennung und die Zuwendung, die ihm eine starke Rolle bringt und seinem Selbstwertgefühl schmeichelt. Wenn andere einen Menschen stark, mutig und kompetent finden, dann ist das für diesen schon ein tolles Gefühl. Wenn diese Anerkennung aber so eng an tätige Hilfe gebunden ist, ist sie auch recht fadenscheinig.

Schwache Freunde stärken

Dem starken Menschen im vorangegangenen Beispiel wird folglich nichts anderes übrig bleiben, als sich einmal Gedanken darüber zu machen, warum er sich immer Schwächere als Freunde oder Partner sucht. Wie viel das zu tun hat mit seiner eigenen Schwäche, die er vielleicht nicht zeigen möchte, die er fürchtet. Und dann sollte er sich auch starke Freunde suchen, die er als gleichberechtigte Partner anerkennen kann. Oder seinen schwachen Freunden Gelegenheit geben, auch einmal stark zu sein, mehr Vertrauen zu haben zu sich selbst.

Beziehungen, seien es Freunde oder Partner, sind am haltbarsten, so Stärke und Schwäche wechselseitig verteilt sind. Wo jeder dem anderen die Möglichkeit gibt, beides zu sein: einmal der starke Partner, einmal der schwache. Das ist natürlich nicht so leicht, wie es sich anhört, denn die Rolle des stärkeren ist für die meisten von uns die angenehmere und so widersinnig es sich zunächst anhören mag: Es gehört sehr viel Mut und Selbstvertrauen dazu, Schwäche zu zeigen. Aber möglich ist es für jeden, der sich selbst ernst nimmt und die anderen auch.

Günther Thesing

Fragen zum Schwerpunktthema dieser Ausgabe „Verantwortung tragen – Leiter sein“:

  1. Welche negativen Erfahrungen mit Chefs oder Leitern haben Sie gemacht?
  2. Welche Eigenschaften sollte ein Gruppenleiter besitzen?
  3. Welche Aufgaben packen Sie gern an und wo übernehmen Sie selbst Verantwortung?
  4. Was hat es Ihnen persönlich gebracht, dass sie an diesen Stellen Verantwortung übernommen haben?



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