Leseprobe Februar 2006 |
zurück zum BK |
Es gibt einen Unterschied zwischen Frauen- und Männer-Alkoholismus. Und so ist es längst kein Geheimnis mehr, dass die Mehrzahl der Männer Gesellschaftstrinker, dagegen die Mehrzahl der Frauen Problemtrinkerinnen sind.
Im Sportverein gehören das Bier und der „Kurze“ nach dem Sieg oder der Niederlage zum Mann wie das Amen in der Kirche. Am Kneipentresen und am Stammtisch ist meist der der Größte, der am meisten verträgt. Protzig fließt Champagner bei Geschäftsabschlüssen durch Männerkehlen.
Die Gesellschaft billigt seit eh und je dem Mann seinen Alkoholkonsum zu, wie sie ihm die damit oftmals verbundenen Entgleisungen nachsieht. Eine Toleranz, die den meisten Frauen immer noch verwehrt ist. Es schickte sich zu keiner Zeit, wenn eine Frau mehr als nur ein symbolisches Gläschen trank.
Und dieses ungeschriebene Gesetz, von Generation zu Generation weitergegeben, war der Ursprung des heimlichen Trinkens. Das Wissen um die breite gesellschaftliche Ablehnung der Alkohol konsumierenden Frau und ihr naturbedingtes Schamgefühl zwangen die meisten Frauen, heimlich Alkohol zu trinken.
Die Angst vor dem Entdecktwerden versetzte uns Frauen nicht selten in Panik. Das heimliche Trinken ist somit die Reaktion auf die unterschiedlichen Maßstäbe der Gesellschaft, die die trinkende Frau – trotz Gleichberechtigung – noch immer ins Abseits stellt.
Doch wieso gerät die Frau überhaupt an die Droge Alkohol, wenn ihr bewusst ist, dass diese für sie eigentlich ein gesellschaftliches Tabu ist. Antwort: Alkohol ist auch für die Frau am leichtesten zu beschaffen, und die Suchtveranlagung ist bei uns Alkoholikerinnen ebenso vorhanden wie bei Männern.
Darüber hinaus haben Wissenschafter in jahrelangen Untersuchungen an alkoholkranken Frauen folgende drei Grundlagen herausgefunden, die geradezu ein idealer Nährboden für eine spätere Alkoholabhängigkeit sind:
Männer werden eher über die gesellschaftliche Tradition an den Alkohol herangeführt und bleiben wegen des Genusses und der reichlichen Gelegenheiten lange Zeit freiwillig dabei, ehe viele von ihnen auch in die Abhängigkeit geraten. Frauen dagegen entdecken im Alkohol weniger den geschmacklichen Wert als vielmehr seine vermeintlich befreiende Wirkung.
Hätte ich mich selbst nur auf jene Gläser beschränken können, die mir wirklich schmeckten, säße ich heute nicht hier. Aber diese Beschränkung setzt Kontrollvermögen voraus, das ich als Suchtgefährdete nicht hatte.
Zwei bis drei Gläser Sekt oder Cocktails waren für mich ein Genuss. Das damit verbundene Leichtigkeitsgefühl war angenehm und wurde irgendwann der Einstieg zu mehr. Nach dem anfänglichen Genuss zielte ich später nur noch auf die Wirkung ab. Und Wirkung hieß: weniger Angst, weniger Hemmung, weniger Verklemmung, mehr Durchsetzungsvermögen, Träume von Veränderung, mehr Eigenständigkeit und Freiheitsgefühl. In einer für Stunden angeschluckten Scheinwelt legte ich mir Konzepte zurecht, die ich nüchtern nicht erfüllen konnte. Ich trank nicht nur heimlich, ich betrank mich immer exzessiver. Aber je exzessiver ich trank, umso unsicherer wurde ich.
Mein Stimmungsbarometer geriet in kürzester Zeit von gipfelhoch bis kellertief und umgekehrt. Euphorie wechselte mit Melancholie. Selbstmitleid führte zu Depressionen. Gelegentlich dachte ich an Selbstmord. Diese Gedanken sprach ich mitunter auch aus erpresserischen Motiven offen aus.
Mit zunehmendem Alkoholismus verschwand auch die anfänglich wohltuende Scheinwelt. An diesem Punkt ist der Frauen-Alkoholismus wieder deckungsgleich mit dem Männer-Alkoholismus.
So allein Frauen mehrheitlich trinken, so einsam und auf sich gestellt gehen sie häufig auch ihren Weg in die Abstinenz. Dies liegt wohl daran, dass sie entweder schon allein leben oder vom Partner vielfach nicht die erhoffte Unterstützung bekommen. Vielleicht gerade deshalb entwickeln sie nicht selten eine bemerkenswerte Konsequenz.
Häufig habe ich von Alkoholikerinnen diesen Satz gehört: „Mein Mann sagt immer, das mit dem Alkohol ist dein Problem, nicht meines.“ Nur wenige Frauen erfahren den gerade anfangs so wichtigen partnerschaftlichen Beistand, gepaart mit Verständnis und ein wenig Solidarität. Oft steht die gerade abstinent gewordene Frau vor einsamen Problembewältigungen; vor Entscheidungen, die zu treffen, sie erst lernen muss; vor notwendigen Veränderungen, die ihr Überwindungskraft und Hartnäckigkeit abverlangen.
Hinzu kommt bei vielen suchtkranken Müttern, dass sie zusätzlich von einem großen Schuldgefühl gegenüber ihren Kindern geplagt werden. Alkoholkranke Väter leiden weit weniger unter dieser emotionalen Belastung, da sie häufig der Meinung sind, die Kinder hätten von den “Suffjahren” nicht viel mitbekommen oder aber die Familie sei mit Beginn der Abstinenz automatisch wieder intakt.
Je intensiver jedoch die betroffene Frau die Härten des einsamen Weges in die Abstinenz erlebt, desto mehr gewinnt sie an Durchblick und Selbstbewusstsein.
So mancher abstinent gewordene Mann wird grauer, dickbäuchiger und insgesamt träger. Auf der anderen Seite entwickelt sich manch trockene „graue Maus“ langsam, aber stetig zum flotten, attraktiven, jünger wirkenden Wesen, das oft zu einer neuen und besseren Lebensqualität gelangt. Viele Frauen sehen in der Abstinenz die stetige Verpflichtung zur Weiterentwicklung und Veränderung. Wenn uns Einsicht, Wille und Kraft zur Abstinenz bestimmt waren, wollen wir das wieder gewonnene Leben nicht als Trockenleichen beenden.
Hilde Schmidt,
Mitglied der Guttempler-Gemeinschaft Halensee