Leseprobe November 2005


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Trauern ist schmerzlich aber lebensnotwendig

Die Phasen der Trauer

Sie ist tot. Ich kann nicht begreifen, was geschehen ist. „Ich werde meine Mutter nie wieder sehen“, versuche ich mir bewusst zu machen. Ich kann keinen klaren Gedanken fassen. Ich fühle nichts, keine Träne will fließen, dabei habe ich sie doch geliebt. Wie gelähmt sitze ich am Tisch. Mir gegenüber läuft meine Schwester auf und ab. Sie stampft mit dem Fuß gegen die Wand, schüttelt den Kopf, schreit: „Warum musste sie schon so früh sterben?“

Jeder Mensch reagiert anders auf den Verlust eines geliebten Menschen, dennoch lässt sich der Prozess des Trauerns in vier Phasen einteilen. Allerdings geschieht Trauer nicht nur als Abfolge dieser Phasen, sondern der Trauernde kann aus einer späteren wieder in eine frühere Phase zurückfallen oder er kann Phasen sehr kurz oder sehr intensiv erleben. Trauer meint nicht zuerst traurig sein, sondern das Wechselbad der eigenen Gefühle. Das Auf und Ab zwischen Wie-gelähmt-Sein und Gefühlsausbrüchen zwischen Schmerz über den Verlust und der Wut darüber.
Trauer ist etwas natürliches, ein Bestandteil unseres Lebens, jeden Lebens. Trauerarbeit ist die Bearbeitung des Gefühls der Leere, des Verlustes, der Trennung: etwas fehlt, was vorher entscheidend zum eigenen Leben dazugehörte, es ist wie abgetrennt.
Trauerarbeit hat einen Anfang und ein Ende. Wichtig ist, dass diese Arbeit begonnen, aber auch abgeschlossen wird. Unterdrückte Trauer dagegen wirkt lebenslang. Das Durchlaufen der Trauerphasen ist ein schmerzlicher, aber auch schöpferischer Prozess.

1. Die initiale Phase: den Tod nicht wahr haben wollen

Diese Phase beginnt mit dem Bekanntwerden eines Trauerfalls. Der Angehörige ist geschockt. Dieser Schock ist umso größer, je weniger mit dem Eintreten des Todes gerechnet wurde oder je weniger sich der Angehörige mit dem möglichen Tod auseinander gesetzt hat.
Mancher will die Realität zunächst nicht akzeptieren und hofft, dass es nur ein böser Traum ist. Bei Unfällen oder bei Gelegenheiten, wo es momentan unmöglich ist, sich persönlich vom Tod zu überzeugen, keimt immer noch ein Stück Hoffnung. Es könnte sich ja um eine Verwechslung handeln.
Der Trauernde will es nicht wahrhaben, er leugnet den Tod. Dieser erste Schock äußert sich meist in einer Handlungsunfähigkeit oder einem psychischen Zusammenbruch oder durch Gefühlsausbrüche wie heftiges Weinen. Die initiale Phase ist relativ kurz und dauert ein bis zwei Tage. Dem Betroffenen hilft es, wenn ihm jemand beisteht, er nicht allein ist und ihm alltägliche Pflichten abgenommen werden.
Auch hilft es, wenn der Trauernde über den Verlust sprechen kann und ihm jemand zuhört. Problematisch ist es, wenn die Realität dauerhaft verleugnet wird und der Hinterbliebene weiterlebt, als wäre nichts geschehen.

2. Die kontrollierte Phase: eigene Gefühle werden unterdrückt

In dieser zweiten Phase werden alle psychischen und physischen Kräfte zusammengenommen, um die wichtigen Dinge zu ordnen: Verbreitung der Trauernachricht, Traueranzeige, Vorbereitung und Durchführung der Trauerfeier. Die eigenen Gefühle werden dabei eher unterdrückt. Derealisation und Depersonalisation sind Phänomene aus der Depressionsforschung, die in dieser Phase auf Trauernde zutreffen.
Das drückt sich so aus: Während der Trauerfeier werden die Abläufe wie durch einen Schleier wahrgenommen. Der Hinterbliebene empfindet eine Distanz zur Welt, er beobachtet den Alltag, aber er lebt jetzt in seiner Trauerwelt. Die Anspannung ist sehr hoch und wahre Besinnung durch die vielen Aufgaben kaum möglich. Diese Phase dauert ein bis zwei Wochen, meist bis kurz nach der Beerdigung oder Trauerfeier.
Rücksicht der Anderen ist angebracht, aber es ist auch gut, wenn der Hinterbliebene versucht, das Nötige selbst zu regeln.

3. Die regressive Phase: Emotionen und Erinnerungen verarbeiten

Diese ist die kritischste Phase in diesem Verlauf der Trauerphasen. Jetzt erlauben sich Körper und Seele des Trauernden, nach der äußersten Kraftanstrengung der vergangenen Tage zu entspannen – das ist alles andere als einfach. Dem Trauernden wird der schmerzliche Verlust und die damit zusammenhängende neue Situation richtig bewusst. Gleichzeitig hat er aber die Kontrolle über seine Reaktionen eher verloren. Er hat keine Vorstellungen, wie das Leben ohne die zu betrauernde Person weitergehen kann und soll. Die Zeit, die der Trauernde in zurückgezogener Einsamkeit verbringt, ist für ihn wichtig. Zugleich bereitet es ihm viel Mühe, seinen Tagesablauf zu ordnen.
Die Regression hat in dieser Phase die Funktion, mit dem Verlust innerlich zurechtzukommen: Der Betroffene kapituliert, weint nur noch, ist völlig hilflos, kann nicht mehr. Gleichzeitig hilft diese Kapitulation, nicht völlig zusammenzubrechen und durchzudrehen.
In der Phase der Regression werden frühzeitige Denk- und Handlungsmuster genutzt. Vereinfacht gesagt, bewegt sich der Trauernde zurück in eine Zeit, in der es auch für komplizierte Probleme eine einfache Lösung gab. Dies wird deutlich durch Magersucht, Alkohol- und Medikamentenmissbrauch. Setzen sich auf Dauer die regressiven Kräfte durch, dann kann es zu einer dauerhaften psychischen Erkrankung kommen.
Gegen Ende dieser Phase kann der Trauernde den erlittenen Verlust bewerten, ob ein „Ersatz“ möglich wäre – zum Beispiel des verstorbenen Ehepartners – und wie das Leben jetzt und mit welchen Schwerpunkten geführt werden könnte.
Der Trauernde braucht sehr viel Energie für sich selbst, deshalb sind seine Außenbeziehungen reduziert. Er hat weniger Kontakt mit der Umgebung. Daher sollten Freunde und Bekannte gerade in dieser Phase Geduld und Verständnis zeigen und den Trauernden nicht zu Aktionen zwingen.

4. Die adaptive Phase: Tod anerkennen und neue Schritte wagen

Der Tod des Verstorbenen wird anerkannt. Dies ist die Voraussetzung für die Überwindung der regressiven Phase. Das Leben ohne den Verstorbenen wird neu geordnet und neu aufgebaut, das eigene Leben an die veränderten Lebensumstände angepasst.
Diese Phase läuft nicht kontinuierlich, sondern kämpft mit der dritten Phase. Der Beginn dieser Phase kann Monate nach dem Trauerfall liegen. Sie bietet die Chance, neue Schwerpunkte zu setzen und zu leben. Langsam wird neuer Mut geschöpft. Der Umgang mit Fakten und Sachen, die den Verstorbenen betreffen, wird immer unbefangener. Das Idealbild vom Verstorbenen wandelt sich in ein reales Bild.
Trost spenden kann in jeder Phase der Trauer die Bibel und die Gewissheit, dass der Mensch nicht tiefer fallen kann, als in Gottes Hand.

Jürgen Naundorff, Blaukreuz-Sekretär im Landesverband Sachsen

Fragen zum Schwerpunktthema dieser Ausgabe „Trauern“:

  1. Kennen Sie das Gefühl der Trauer, dieses Wechselbad der Gefühle nach der Todesnachricht?
  2. Was hat Ihnen geholfen, den Verlust eines geliebten Menschen zu verarbeiten?
  3. Auch zum Beginn einer Abstinenz heißt es, Abschied nehmen vom Alkohol. Wie haben Sie gegebenenfalls die erste Zeit ohne die „geliebte Flasche“ erlebt?
  4. Erkennen Sie Parallelen zwischen der Verarbeitung eines Todesfalles und dem Abschied vom Leben mit dem Suchtmittel?



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