Leseprobe September 2005


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Wenn Sehnsucht zur Sucht wird

Die dunkle Seite der Sehnsucht

Wie entsteht Sehnsucht? Sehnsucht entsteht, wenn Paradiese verloren gehen. Spätestens seit dem Sündenfall ist der Mensch darum ein Mangelwesen. Jeder erreichte Zustand ist nur der Ausgangspunkt neuen Verlangens. Hungern und Dürsten sind unsere grundlegenden Antriebskräfte. Dieser Prozess erhält uns aber auch am Leben und ist die Quelle von Kultur und allen anderen zivilisatorischen Errungenschaften.
Problematisch wird es erst dann, wenn die Sehnsucht so stark wird, dass die Handlungen, die uns mit dem Verlorenen wieder vereinen sollen, mehr oder weniger gewalttätig werden. Dies ist die dunkle Seite der Sehnsucht.
 

Zwanghaftes Verlangen

Dr. Volker Weissinger, Geschäftsführer des Fachverbandes Sucht, beschreibt die Suchtstruktur als ein „unwiderstehliches, zwanghaftes Verlangen nach einer ständig erneuten Einnahme von Suchtmitteln beziehungsweise nach einer immer neuen Wiederholung einer bestimmten Handlung, um ein bestimmtes Lustgefühl zu erreichen“, ohne Rücksicht auf soziale Gegebenheiten.
Vom Kaufrausch über Arbeitssucht und Glücksspiel bis hin zur Sucht nach immer aufregenderen Erfahrungen gibt es nichts, was es nicht gibt. Wir leben in einer Welt voller Süchte. Menschen können von Alkohol und Nikotin genauso abhängig sein wie von Schokolade, Nägelkauen, geistlichen Leitern, Pünktlichkeit oder Stress.
Zwar hält die zuständige Behörde in Sachen Suchtdefinition, die WHO, nur „Substanzen mit zentralnervöser Wirkung“ für abhängig machend, aber auch wenn wir an Idealen hängen, Macht anstreben, Arbeit und Beziehungen nachjagen oder von Stimmungen abhängig sind, wirken in uns letztlich die-selben Mechanismen, die zu Drogenabhängigkeit führen.
Die so genannten Toleranzprobleme, also das Verlangen nach immer höherer Dosierung, sind bei allen Süchtigen gleich.
 

Hunger nach Liebe

Der amerikanische Psychiater Dr. Gerald May stellt sogar die These auf, dass in allen Menschen die psychologischen, neurologischen und geistigen Kräfte einer ausgewachsenen Suchtkrankheit in unterschiedlichen Ausmaßen am Werk sind. May geht davon aus, dass alle Menschen eine angeborene Sehnsucht nach Gott in sich tragen.
Im Kern ist diese Sehnsucht ein Hunger zu lieben, geliebt zu werden und der Quelle der Liebe näher zu kommen. Häufig wird diese Sehnsucht nach Liebe aber verdrängt, weil Liebe verwundbar macht.
Während der psychologische Prozess der Verdrängung nun unser Verlangen erstickt, bindet und kettet die Sucht es an ein bestimmtes Verhalten, an bestimmte Gegenstände oder Menschen. Sucht bindet die Sehnsucht und braucht dabei langsam, aber unaufhörlich unsere Lebenskraft auf. Es bleibt immer weniger Energie übrig, um uns auf andere Menschen oder höhere Ziele zu konzentrieren.
Geistlich gesehen ist die Sucht eine grundlegende Abkehr von Gott, weil die Objekte unserer Abhängigkeiten den Rang von Göttern einnehmen. Wir dienen ihnen und opfern ihnen Zeit und Kraft. Sucht verdrängt und ersetzt die Liebe Gottes als Quelle und Objekt eines tiefen und echten Verlangens mit anderen Dingen.
Der Weg zur Freiheit bestünde nun darin, dass wir unsere alltäglichen kleinen und großen Süchte einmal genau anschauen würden und die Sehnsucht nach Heimat, Geborgenheit und dem verlorenen Paradies in ihnen wieder entdecken würden.
Gebet und Gemeinschaft könnten dann der Sucht die Angst nehmen und sie so wieder in Leben spendende Sehnsucht zurückverwandeln.

Mickey Wiese
Prediger, Seelsorger und Berater in Konfliktsituationen
www.lobpreistanz.de; E-Mail: soulwinner@web.de
aus: dran 4/2004

Fragen zum Schwerpunktthema dieser Ausgabe „Wenn Sehnsucht zur Sucht wird“:

  1. Kennen Sie das Verlangen, immer mehr zu wollen - mehr Liebe, mehr Anerkennung, mehr Spaß?
  2. Welche Sehnsüchte sind, beziehungsweise könnten bei Ihnen zur Sucht werden?
  3. „Sucht ist die Abkehr von der Liebe Gottes im Bezug auf die Befriedigung von Sehnsüchten“ - was meinen Sie zu dieser Aussage?
  4. Was hilft Ihnen, damit Ihre Sehnsüchte nicht zum zwanghaften Verhalten werden?



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