Leseprobe August 2005


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Stationen auf dem Weg zur Sucht

Wie aus dem Alkoholgenuss Missbrauch und Abhängigkeit entstehen

Sucht entsteht in einem Prozess mit verschiedenen Stadien, die fließend ineinander übergehen. Die Geschichte von Anna (Name von der Redaktion geändert) soll das deutlich machen. Ich habe Anna auf einem Suchtkrankenhelferlehrgang kennen gelernt. Sie ist seit fast dreißig Jahren trocken und es geht ihr heute sehr gut.
 
Annas Eltern waren das, was man christlich, gutbürgerlich und gesellschaftlich anerkannt nennt. Sie lebten mit ihren Kindern im Ruhrgebiet, hatten einen kleinen Tante-Emma-Laden, waren im Stadtteil bekannt und geachtet.
Dass der Vater Alkoholiker war, ließ sich lange Zeit gut verbergen. Nur den Kindern war schon früh klar: So wie der Papa wollen wir niemals werden! Sie litten unter seiner Launenhaftigkeit und Aggressivität. Aber nach außen schien alles in Ordnung zu sein.
Die Eltern hatten wenig Zeit für ihre Kinder und so war Anna in jeder freien Minute bei ihrer Freundin. Deren Eltern hatten eine Kneipe und die beiden Mädchen machten sich einen Spaß daraus, an der Bar die Liköre zu probieren und die Gläser zu leeren.
 

1. Am Anfang steht der Gebrauch, der Genuss

Sucht hat zunächst mit einem Wunsch zu tun, den alle Menschen haben: sich wohl oder besser zu fühlen, zum Beispiel das wohlige Gefühl, nach einem guten Essen, das gute Gefühl nach einer erfolgreichen Arbeit, Besserung durch Medikamente, Entspannung oder Anregung durch Alkohol oder Nikotin.
Bei Anna war es einfach die Neugier und das prickelnde Gefühl, etwas zu tun, was nicht gern gesehen wurde. Doch bei einigen Menschen verändern sich mit der Zeit solche lieb gewonnenen Gewohnheiten. Die Gewohnheiten bekommen eine Funktion: Sie werden zu Trostspendern.
Anna war zwölf Jahre alt, als sie feststellte, dass sie von dem, was sie da so zwischendurch immer trank, lustig und gelöst wurde. Das verführte sie dazu, Härteres zu probieren. Ihr Alkoholkonsum steigerte sich. Zu Hause durfte niemand wissen, wo sie in ihrer Freizeit war. Es interessierte auch niemanden wirklich. So oft sie konnte, traf sie sich heimlich mit der Freundin in der nächsten Diskothek und probierte alles aus. Unter Alkoholeinfluss konnte sie ausgelassen tanzen, sie traute sich sogar allein auf die Tanzfläche, es war ein schönes, befreiendes Gefühl. Sie war 15 Jahre alt, als sie zum ersten Mal einen Vollrausch hatte.
Die Erfahrung, dass das Suchtmittel das Gefühl verändert, verführt dazu, es kontrolliert einzusetzen oder anzuwenden. Es kommt zu einer Lernerfahrung:
   - Gefühle können gezielt beeinflusst werden.
   - Das Suchtmittel bringt Entspannung.
   - Wenn der Konsument keine besseren Problemlösungsstrategien findet, führt es zu weiterem Konsum.
 

2. Die Phase der Gewöhnung, des Missbrauchs folgt

Wurde das Suchtmittel anfänglich nur zum Genuss konsumiert, nimmt es der Betroffene nun bewusst zu sich, um bestimmte Gefühle zu erzeugen. Das Suchtmittel wird regelmäßig, gezielt und immer häufiger eingesetzt, weil:
    - der Alltag damit besser bewältigt wird;
    - die gewünschte Stimmung schneller erreicht wird;
    - Höhen und Tiefen des Lebens nicht mehr so wahrgenommen,
     sondern glatt gebügelt werden;
    - eine psychische Erleichterung empfunden wird.

Zunehmend erscheint ein Leben ohne Suchtmittel unvorstellbar, es wird gebraucht. Hier verselbstständigt sich dann auch das Konsumverhalten: Irgendwann stehen nicht mehr die guten Gefühle im Vordergrund, obwohl das Suchtmittel ursprünglich genau deshalb genommen wurde, sondern das Suchtmittel selbst steht an erster Stelle. Das heißt, Alkohol beispielsweise wird nicht mehr wegen der erstrebten Entspannung konsumiert, sondern weil es ohne ihn schwierig geworden ist, den Tag zu überstehen.
Anna fand einen Freundeskreis, der sich jeden Tag traf und bei dem Alkohol zum Lebensgefühl dazugehörte. Noch war es allerdings möglich, den Alkoholkonsum recht unauffällig in das Leben zu integrieren. In der Schule war Anna durchschnittlich. Sie wollte Krankenschwester werden. Erst als die Eltern ihr diesen Wunsch mit der Begründung verwehrten, sie sei dafür nicht schlau genug, wurden ihre Leistungen schlecht. Es gab für sie keine Motivation mehr, weiter zu lernen. Mit „Ach und Krach“ machte sie den Hauptschulabschluss.
Gut, dass es die Freunde und den Alkohol gab. Anna machte eine Ausbildung als Verkäuferin im elterlichen Geschäft. Nach außen war sie die brave Tochter, die in die Fußstapfen der Eltern trat und freundlich und hilfsbereit die Kunden bediente. Damit waren auch die Eltern zufrieden. Von Annas eigentlichem Leben hatten sie noch immer keine Ahnung. Sie interessierten sich auch nicht für die wirklichen Lebensbedürfnisse und Wünsche ihrer Tochter, wichtig für sie war lediglich der äußere Schein.
Der Alkohol und der Freundeskreis waren Annas Lebenströster, ohne diese Säulen war ihr Leben sinn- und wertlos. Psychisch war sie jetzt schon lange vom Alkohol abhängig, den Übergang zur körperlichen Abhängigkeit hat sie gar nicht bemerkt.
 

3. Das Stadium der Sucht beginnt

Das Kennzeichen für dieses Stadium ist das unstillbare Verlangen nach dem Suchtmittel. Der Süchtige braucht eine immer größere Dosis, um sein Wohlgefühl herzustellen. Dieses Wohlgefühl wird allerdings immer schwächer, je mehr die Dosis gesteigert wird. Dann wird die Einnahme des Suchtmittels schon deshalb nötig, um Entzugserscheinungen zu vermeiden. Je nach Suchtmittel spricht man von seelischer und / oder körperlicher Abhängigkeit.
Bei der Alkoholabhängigkeit ist das gekennzeichnet durch den Kontrollverlust. Der Betroffene kann seinen Alkoholkonsum nicht mehr beherrschen. Entweder er trinkt bis zum Umfallen oder sein Körper braucht immer einen gewissen Alkoholspiegel im Blut.
Anna war eine Spiegeltrinkerin geworden. Sie begann erst dann über ihren Alkoholkonsum nachzudenken, als sie mit 16 Jahren schwanger wurde. Auf Drängen der Eltern heiratete sie den Vater des Kindes; dass sie sich ein Leben mit ihm nicht vorstellen konnte, war nicht ausschlaggebend. Entscheidend war, dass die Ehre der Familie vor den Leuten gewahrt blieb.
Anna wusste, dass sie ihrem Kind großen Schaden zufügen würde, wenn sie nicht aufhören würde zu trinken und versuchte, trocken zu leben. Es fiel ihr unendlich schwer. Sie machte einen regelrechten Entzug durch, nur dass sie ihn nicht als solchen erkannte. Sie bekam Panikattacken, Schweißausbrüche, Herzrasen und Albträume. Sie versuchte, diese Zustände irgendwie auszuhalten, sie wollte nicht darüber nachdenken, was mit ihr los war.
Alle Fragen, die in ihrem Inneren aufbrachen, brachte sie zum Schweigen. Als es ihr allmählich körperlich besser ging, gab es für sie keinen Grund mehr, darüber nachzudenken. Sie bekam ihr Kind, stillte drei Monate voll und trank in dieser Zeit keinen Tropfen.
Aber irgendwann wurde sie unruhig, sehnte sich nach dem alten Leben und begann wieder, soweit ihr Sohn es zuließ, durch die Kneipen und Diskotheken zu ziehen. Diesmal ging es rasend schnell mit der Steigerung des Alkoholkonsums. All ihre Einsamkeit, all ihre unerfüllten Wünsche und tiefen Sehnsüchte versuchte sie, im Alkohol zu ertränken.
Anna war jung und noch nicht lange abhängig, bei ihr fiel die Sucht noch nicht auf. Vielleicht machte sich aber auch niemand in ihrem Leben die Mühe, genau hinzusehen. In der Regel entsteht in diesem Stadium ein weiterer Teufelskreis: Menschen mit süchtigem Verhalten sind sich selbst fremd und werden so für andere auch zu Fremden. Viele werden körperlich schwach, sehen schlecht aus, verhalten sich merkwürdig, reagieren schroff und ablehnend, wenn Menschen es gut mit ihnen meinen.
Die Menschen ihres sozialen Umfeldes gehen also auf Distanz. Der Betroffene bleibt mit seinem tiefen Wunsch nach Liebe und Zuwendung allein. So wird die Ersatzbefriedigung, das Suchtmittel, immer verführerischer.
 

Andrea Schmidt
arbeitet als Diplom-Sozialpädagogin in der Bundesgeschäftsstelle des Blauen Kreuzes in Wuppertal

Fragen zum Schwerpunktthema dieser Ausgabe „Stationen auf dem Weg zur Sucht“:

  1. Welche guten Gefühle und Wirkungen erzeugt(e) der Genuss von Alkohol bei Ihnen?
  2. An welchem Punkt wird für Sie der Alkoholgenuss zur Sucht, wann beginnt der Missbrauch?
  3. Was sind Ihrer Meinung nach die entscheidenden Voraussetzung, um eine Abhängigkeit zu überwinden?
  4. Was würden Sie empfehlen, um einer Suchterkrankung vorzubeugen?



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