Leseprobe Mai 2005


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Neue Wege gehen lernen durch Sucht-Selbsthilfegruppen

Was fördert die Entwicklung einer Persönlichkeit in der Selbsthilfegruppe?

In Selbsthilfegruppen schließen sich Menschen zusammen, die eigenverantwortlich ihre im Umfeld ihrer Erkrankung – bei den Selbsthilfegruppen Sucht ist es die Suchterkrankung – ent-standenen Probleme lösen wollen. Sie nutzen dazu den Vorteil der Gruppe, der darin besteht, dass Menschen mit gleicher oder ähnlicher Problematik sich austauschen und voneinander lernen.

Ich redete mir vieles von der Seele und merkte, hier bin ich richtig. Hier sind die Menschen, die mich verstehen, die es hinter sich gebracht haben oder noch dabei sind. Sie geben mir die Unterstützung, mit meinen Problemen anders umzugehen, anders zu handeln.“ So beschreibt eine Gruppenteilnehmerin ihre ersten Schritte in der Selbsthilfegruppe.

In der Gruppe ist jeder Experte aus eigener Betroffenheit (sowohl Abhängige als auch Angehöri-ge) und anderen Vorbild für die Bewältigung seiner Lebenssituation. Gruppenmitglieder sind gewissermaßen Gebende und Nehmende, und sie leisten sich gegenseitige, aufeinander bezo-gene „Entwicklungshilfe“ bei Bedarf.

Die Gruppenteilnehmer sind unterschiedlich lange in der Gruppe, das heißt: Sie sind in unter-schiedlichen Phasen der Ablösung vom Suchtmittel oder der Aufarbeitung ihrer Angehörigen-problematik und sie sind in der Gruppe mit zum Teil unterschiedlichen Zielen: Stabilisierung und Nachsorge nach der Therapie, Gruppe statt Therapie, Wiedererlangung des Führerscheins, Freunde treffen, selbst Helfer sein und sich ehrenamtlich engagieren …

Selbsthilfe bestimmt sich nach den Bedürfnissen der Teilnehmer

Die Methode ist das Gespräch in der Gruppe! Das heißt: Jeder hilft sich selbst und hilft dadurch anderen – oder hilft sich dadurch, dass er anderen hilft!

Wie Selbsthilfe überhaupt wirkt, darüber gehen die Meinungen auseinander: Klaus Dörner und Ursula Plog (Irren ist menschlich, Bonn 1978, S. 206) vertreten die Haltung: „Erwiesen ist, dass die Abhängigen, die in einer Selbsthilfegruppe aktiv werden, die größten und dauerhaftesten Chancen haben, eine abstinente Lebensweise zu erreichen und beizubehalten.“

Auch der renommierte Alkoholismusforscher Wilhelm Feuerlein hielt die Nachsorge durch Selbsthilfe- und Abstinenzgruppen für unverzichtbar.

Eine andere, durchaus verbreitete Haltung lautet: „Was Selbsthilfe bewirkt und warum sie wirkt, das weiß man nicht so genau.“ Vielleicht interessiert das auch nicht. Immerhin wissen wir, dass Selbsthilfe lebt von

Zurück in ein normales Leben

Durch den freundschaftlichen Umgang, das wertschätzende Miteinander in der Gruppe finden Suchtkranke und vor allem auch Angehörige, die die eigene Isolation während der akuten Suchtphase in der Regel als sehr bedrückend erlebt haben, wieder zurück in ein normales Leben und knüpfen Kontakte.

Beide – sowohl Suchtkranke wie auch Angehörige – lernen wieder Freundschaften aufzubauen und zu pflegen, was zu einem erheblich verbesserten psychischen Wohlbefinden führt und zu einer aktiven Lebensführung beiträgt. Dadurch wird auch die Entwicklung neuer sozialer Kompe-tenzen möglich.

Gegenüber den anderen Suchtkranken und Angehörigen wird größere Hilfsbereitschaft, mehr Verständnis und Einfühlungsvermögen entwickelt. Ebenso entwickelt sich das eigene Selbstbe-wusstsein, Selbstvertrauen und Eigenverantwortlichkeit. Das bewirkt, dass auch das Auftreten sicherer wird und sich Kontaktfähigkeit und Kooperationsbereitschaft stabilisieren.

Die Selbsthilfegruppe hat auch positive Auswirkungen auf Kommunikationsstrukturen in der Familie (Ehepartner, Kinder, Eltern), im Freundeskreis und / oder unter Arbeitskollegen. Hier ist es in der akuten Suchtphase in der Regel zu Störungen gekommen. Die Gruppenarbeit gibt Anregungen, wie diese aufgearbeitet werden können, man lernt Probleme anzusprechen, Kon-flikte auszutragen und die neu erworbenen Kompetenzen wirken sich hilfreich aus.

Außerdem bieten viele Gruppen auch eine Fülle von Zusatzangeboten, wie Freizeitgestaltung, kulturelle Angebote, Bildungsveranstaltungen und anderes mehr, die von großer Bedeutung sind.

Neben der sozialen Komponente bieten sie einen Schutz- und Erfahrungsraum – Feste feiern geht auch ohne Alkohol, Spaß haben auch ohne Joint …

Die Suche nach Sinn und Spiritualität

Und dann ist da noch ein Kern des Phänomens Sucht: Die Sinn-Frage. Die Suche nach Sinn und Spiritualität spielt im weitesten Sinn eigentlich immer auch eine Rolle bei der Entstehung und bei der Bewältigung einer Sucht. Dieser Aspekt darf bei der Gruppenarbeit nicht vernachlässigt werden. Hier bieten die Gruppen in ihrem Selbstverständnis Werte und Leitgedanken.

Es versteht sich von selbst, dass der Prozess der Persönlichkeitsentwicklung nicht von heute auf morgen geschieht und dass dieser Prozess individuell sehr unterschiedlich sein kann. Außerdem wird sich die Motivation zum Gruppenbesuch mit dem Fortschreiten der eigenen Persönlich-keitsentwicklung ändern.

Stand zu Beginn die Suchtproblematik im Vordergrund, so sind es später Themen der täglichen Lebensgestaltung, der Neuorientierung in der Partnerschaft, der Berufstätigkeit und zunehmend auch, wie sich Leben vor dem Hintergrund von Arbeitslosigkeit positiv gestalten lässt.

In jeder Gruppe entwickeln sich mit der Zeit auch echte Freundschaften, was bewirkt, dass man gerne zur Gruppe geht. Dadurch, dass immer wieder auch neue Gruppenteilnehmer hinzukom-men, wird die Erinnerung an die eigene Sucht oder Co-Abhängigkeit wach gehalten. Es findet eine dauernde Überprüfung der eigenen Persönlichkeitsentwicklung statt, was auch Rückfälle in alte Verhaltensweisen – und in die Sucht – vorbeugen kann.

Die Gruppe gehört zum Leben und zur persönlichen Lebensgestaltung: „Nach fünf Jahren konnte ich sagen: Jetzt brauchst du die Gruppe nicht mehr wegen des Alkohols, aber es macht Spaß, mit den Leuten zu reden oder auch nur dazusitzen in der Runde.“

Käthe Körtel
aus: FreundeskreisJournal 2/2004

Fragen zum Schwerpunktthema dieser Ausgabe „Selbsthilfegruppen“:

  1. Wie war Ihr erster Gruppenbesuch?
  2. Was gefällt Ihnen an Ihrer Gruppe am besten?
  3. Wenn ich Gruppenleiter wäre, dann würde ich Folgendes verändern …
  4. Wozu brauchen Sie Ihre Gruppe?
  5. Was können Sie Ihrer Gruppe geben?



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