Leseprobe April 2005


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Ich bin gut genug!

Wege zum stabilen Selbstwert

Der Begründer der Gestalttherapie, Frederick Perls, hat mit knappen Sätzen formuliert, was die kranke Persönlichkeit von der gesunden unterscheidet: „Der Verrückte sagt: ‚Ich bin Abraham Lincoln‘, der Neurotiker sagt: ‚Ich wollte, ich wäre Abraham Lincoln‘, der Gesunde sagt: ‚Ich bin ich, und du bist du.‘“.

Je größer die Selbstwertstörungen eines Menschen, desto mehr versucht er, sich zu profilieren. Er vergleicht sich mit anderen, die größer, schneller, gescheiter und schöner sind. Er identifiziert sich mit ihnen, strebt ihnen nach und ist unglücklich, wenn es ihm nicht gelingt, so wie sie zu sein.

Er bildet sich ein, der Präsident der Vereinigten Staaten, ein starker Mann, ein Übermächtiger, Jesus selbst oder Gott zu sein. Je verrückter die Ansichten, desto kranker die Persönlichkeit. Immer lauern im Hintergrund Selbstwertstörungen und Minderwertigkeitsgefühle:

-  Der Mensch mag sich nicht,
-  der Mensch akzeptiert sich nicht,
-  der Mensch fühlt sich nicht als Christ von Gott geliebt,
-  sein Selbstwert liegt am Boden.
 

Ich bin nicht o.k. - du bist o.k.

Das ist die Lebensweisheit, die ein- bis zweijährige Kinder formulieren würden, wenn sie dazu in der Lage wären. Das Lebensgefühl der Kleinen umfasst:

-  ich bin von lauter Riesen umgeben,
-  die Großen haben und können alles,
-  ich bin von diesen Starken völlig abhängig.

Tausende von Ereignissen und Wahrnehmungen, die das kindliche Gemüt registriert, bedrückende und bedrohliche Gefühle der Unterlegenheit, beschämende Gefühle, Machtlosigkeit, trotzige Empfindungen der Rebellion und Abhängigkeit werden im Gehirn gespeichert und bleiben das ganze Leben abrufbereit.

Ein Leben lang hat der kleine, der heranwachsende und erwachsene Mensch damit zu tun, diese frühen Selbstwertstörungen zu überwinden. Nur positive Erfahrungen können die negativen auslöschen.

Kinder und junge Heranwachsende ziehen Schlussfolgerungen aus den Erlebnissen. Sie können richtig oder falsch sein. Sie können auch eingebildet sein. Einbildungen haben leider eine große Kraft.

Eltern, die ihre Kinder bestätigen, ihnen Mut machen und die an sie glauben, stärken das Selbstvertrauen der Kinder und machen sie lebenstüchtig.

Folgenreiche Selbstporträts

Jeder von uns trägt ein Selbstporträt seines Lebens im Herzen, das positiv oder negativ sein kann. Der eine besitzt ein zuversichtliches, selbstwertgestärktes Bild von sich, der andere ein abwertendes und selbstkritisches. Entscheidend ist:

-  Wir handeln nach unserem Selbstbild und Selbstwert,
-  wir gestalten unser Leben nach unserem Selbstvertrauen,
-  wir leben das, was wir von uns halten.

Unsere zwischenmenschlichen Beziehungen, unsere Arbeitsleistung und unser Engagement in Kirche, Gruppen und Gemeinde hängen von diesem Selbstbild ab. Der Mensch ist das, was er von sich glaubt. Hält er sich für unbegabt, dumm und wenig anziehend, handelt er unbewusst dumm und wenig anziehend.

Was können wir tun?

Wie können wir von Selbstwertstörungen geheilt werden? Welche Wege zum Selbstvertrauen können wir gehen? Das Ziel des Menschen sollte nicht sein, mangelndes Selbstvertrauen mit Überleistungen zu kompensieren, Selbstwertstörungen mit Überehrgeiz auszubügeln. Einige Denkanstöße:

Wir bejahen die Selbstachtung

Der amerikanische Psychologe und Seelsorger Dr. Lawrence J. Crabb schreibt im Vorwort eines seiner Bücher: „Darf ein Christ sich um ein positives Selbstbild bemühen? Oder führen uns solche Bestrebungen nur weiter in den Sumpf der Selbstsucht? ... Vollzieht sich nicht ganz legitim diese Heilung innerer Wunden, wenn wir allmählich verstehen, wer Christus ist und was er getan hat?“ (2) Selbstwertgefühl und Selbstachtung sind die Basis für ein gesundes und zufriedenes Leben in der Gemeinschaft. Wenn Jesus einen Menschen liebt, gibt er ihm Würde, gibt er ihm Selbstachtung, Wert und Bestätigung. Der Selbstsüchtige schaut auf seine eigene Kraft, auf seine eigene Stärke. Aber wir werden von Christus geliebt um unserer selbst willen, ohne dass wir es verdienen können, ohne geistliche Schwerarbeit, ohne christliche Selbstüberforderung und Selbsterlösung. Viele Christen wissen es und leben doch den Goethesatz im „Faust“: „Wer immer strebend sich bemüht, den können wir erlösen.“

Untergraben Sie nicht Ihren Selbstwert

Viele Menschen untergraben ihr Selbstvertrauen. Sie trauen sich nichts zu. Geschickt weichen sie der Verantwortung aus. Sie wollen ihren Kopf nicht hinhalten. Sie benutzen die Selbstabwertung, um sich vor Anforderungen in Liebe, Arbeit und Beruf zu schützen. Sie machen sich klein, um gelobt und bestätigt zu werden. Sie untertreiben und fordern die andern auf, sie aufzuwerten. Auch der Perfektionist schraubt sein Selbstvertrauen herunter, weil er nur eine vollkommene Leistung präsentieren will. Perfektionismus ist eine Zielverfehlung. Wir Menschen, auch wir Christen, sind unvollkommen. Vollkommenheit enthält: Immer vollkommener bei Jesus zu sein. Alles andere ist Werkgerechtigkeit.

Mangelndes Selbstwertgefühl kann Pessimismus enthalten

Wer negativ denkt, handelt negativ. Wer pessimistisch an eine Sache herangeht, erntet Misserfolge. Wer nicht an sich glaubt, produziert Niederlagen. Wir sind es selbst, die unser Selbstvertrauen in Frage stellen. Unser mangelnder Glaube und unsere Einstellung blockieren ein positives Ergebnis.

Wir können unser negatives Denken umstellen, wenn wir wollen. Wenn Sie sich schlafen legen, danken Sie für zehn Punkte, die heute gut und positiv waren. Nach vier Wochen danken Sie täglich für 20 Dinge, die schön und positiv verliefen. So ändern Sie Ihre Grundeinstellung.

Einer der großen amerikanischen Prediger der vergangenen Jahrzehnte in New York war Norman Vincent Peale. In einem Aufsatz schreibt er: „Erheben Sie nie Anklage gegen sich selbst! Erst letzte Woche kam ein Mann mit der Bitte um eine Unterredung zu mir. Seine Haltung war gebeugt, seine Miene niedergeschlagen und seine Stimme mutlos. ‚Ich fühle mich fast immer deprimiert und elend. Können Sie mir helfen?‘ ‚Nein‘, sagte ich. ‚Ich kann nicht in Ihren Kopf kriechen und den Mechanismus darin umbauen, aber vielleicht kann ich Ihnen sagen, wie Sie sich selbst helfen können ... Warum betrachten Sie sich selbst aus der Perspektive eines Wurms, statt aus der Ihres Gottes? Sie sind sein Kind. Wenn Sie für ihn wichtig sind - und das sind Sie -, woher nehmen Sie das Recht, herumzulaufen und Ihren Unwert zu beteuern?‘“

Peale hat Recht. Wer mit der Logik eines Wurms sein Leben betrachtet, kriecht seelisch auf dem Bauch durchs Leben. Wer sich als Kind Gottes sieht, weiß, dass er ein für allemal zur Gottesfamilie gehört.

Die Wurmlogik hat noch einen Pferdefuß. Sie zweifelt unaufhörlich den Satz an, dass Christus uns zur Verherrlichung Gottes angenommen hat. Frei von mangelndem Selbstvertrauen können wir zu Gott aufschauen.

So, wie ich bin, bin ich gut genug

Dieser Satz ist ein Schlüssel zur Lösung vieler Probleme. Er klärt auch die Frage des Selbstwertes. Er gilt auf der menschlichen und auf der geistlichen Ebene. Der Satz heißt nicht: So, wie ich bin, bin ich gut, sondern gut genug. Gott allein ist gut.

In den Augen Gottes reiche ich aus, wenn ich an ihn glaube. Ich muss nicht mehr aus mir machen. Viele glauben,

-  sie müssen mehr arbeiten,
-  sie müssen geistlich mehr erreichen,
-  sie müssen mehr Frucht bringen.

Wer zu Gott gehört, muss nicht im Sechseck springen. Er muss nicht moralischer, hilfsbereiter und vor allem christlicher werden. Wer aus ihm lebt, arbeitet, lebt und liebt ruhig vor sich hin. Er wird geliebt und fühlt sich geliebt. Sein Selbstwert ist ausreichend. Für Minderwertigkeitsgefühle ist kein Platz. Selbstwertstörungen haben keine Chance. Selbstwertgefühl zu haben ist ein Geschenk, das uns Eltern und Erzieher vermittelt haben. Gleichzeitig ist Selbstwertgefühl ein Geschenk, das Gott uns in Christus vermittelt. Er bejaht und akzeptiert uns. Niemand muss an sich zweifeln und seinen Selbstwert in Frage stellen

Reinhold Ruthe
aus: Christsein Heute 17/2003

Fragen zum Schwerpunktthema dieser Ausgabe „Selbstwertgefühl“:

  1. Können Sie sich so annehmen, wie Sie sind?
  2. Was gefällt Ihnen an sich am meisten?
  3. Haben Sie schon einmal bei sich entdeckt, wie Sie Ihr Selbstwertgefühl untergraben?
  4. Was könnten Sie tun, um sich besser anzunehmen?

Schädliche Denkmuster
Es gibt einige Verhaltens- und Denkmuster, die hauptsächlich benutzt werden, um mit mangelndem Selbstwert fertig zu werden. Alle diese Muster sind keine wirklichen Hilfen. Es sind Überkompensationen und Ersatzbefriedigungen. (1)

Muster 1: Die totale Kapitulation
Eine der häufigsten Methoden: Der Mensch glaubt, ein Versager zu sein, und verhält sich deshalb wie ein Versager. Er schützt sein Selbst vor Demütigungen, zieht sich zurück und hüllt sich in Schweigen. Er lässt die Flügel hängen und gibt auf.

Muster 2: Auf in den Kampf!
„Angriff ist die beste Verteidigung“, denken diese Menschen. Sie provozieren, explodieren, reagieren mit Ärger und Wut und sind mehr als unangenehm. Häufig erwächst die Aggression aus der Kapitulation, aus der Ohnmacht. Aus Rückzug wird Angriff.

Muster 3: Manege frei für den Clown!
Pannen und Pleiten werden mit Scherz abgetan. Aber hinter dem Scherz verbirgt der „Clown“ seinen Selbstzweifel. Im Fernsehen finden wir „Unterhalter“, die ihre Minderwertigkeiten (Übergewicht, Augenfehler und Ähnliches) mit Clownerie überspielen. Viele Schüler ärgern die Lehrer mit clownischem Gehabe. Der Schüler will gelten und stellt sich mit Dummheiten und Streichen in den Mittelpunkt.

Muster 4: Probleme, was für Probleme?
Der Mensch verdrängt und überspielt seine Selbstwertprobleme. Die Wirklichkeit wird ausgeblendet. Das Millionenheer der Alkoholkranken ist ein Beispiel für das Nichtwahrhabenwollen von Problemen. „Wer Sorgen hat, hat auch Likör“, schrieb der Humorist Wilhelm Busch. Auch der psychotische Mensch lässt einfach die Rollläden herunter und verkriecht sich in seine eigene Traumwelt.

Muster 5: Bloß nicht auffallen!
Zum Kampf gegen mangelndes Selbstvertrauen gehört Anpassung. Wer sich anpasst, hat Angst, selbstständig zu entscheiden, einen eigenen Standpunkt zu vertreten. Der Angepasste gibt seine Überzeugungen auf, um gemocht und anerkannt zu werden. Der „Herdentrieb“ ist ein Merkmal dieser Menschen.

(1) Nach James Dobson, Minderwertigkeitsgefühle - eine Epidemie, Edition Trobisch, Kehl am Rhein, 1987, S. 156 ff.
(2) Lawrence J. Crabb, in: Josh McDowell, Werden, wie Christus mich meint, Edition Trobisch, Kehl am Rhein, 1989, S. 17



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