Leseprobe November 2004


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„Jetzt ist nichts mehr, wie es früher war“

Kraft in Leidenszeiten

Ich habe einen schweren Schlag hinnehmen müssen, der mein Leben völlig durcheinander gebracht hat. Jetzt ist nichts mehr, wie es früher war. Wie kann mein Leben weitergehen? Und wie findet mein Inneres Heilung, das durch dieses traumatische Ereignis erschüttert ist?

Verlusterlebnisse treffen uns wie ein Hammerschlag. Zuerst sind wir geschockt, gelähmt, benommen. Wir können nicht glauben, dass das alles bittere Realität ist – dass der Kündigungsbrief uns gilt, dass der Ehemann sich wirklich scheiden lassen will, dass unser Kind verletzt im Krankenhaus liegt …

Bei der Verarbeitung eines traumatischen Erlebnisses durchläuft der Betroffene meistens mehrere Phasen: Der betäubende Schock wird sehr bald abgelöst durch eine Zeit der Auflehnung. Viele Fragen wirbeln dann durch unsere Seele: „Warum gerade ich? Warum lässt Gott das zu? Warum ist die Welt so ungerecht? Warum sind die Ärzte so unfähig? Warum sind die Menschen so gemein?“

Wir sind zornig – auf Gott, auf andere, auf uns selbst. Gleichzeitig fühlen wir uns entsetzlich ohnmächtig und ausgeliefert und spüren Ärger darüber, dass niemand etwas unternimmt.

Auf diesen Gefühlssturm folgen Entmutigung und Depression. Gedanken wie „Ich kann das nicht ertragen“, „Mir fehlt die Kraft“, „Es hat alles keinen Sinn mehr“, „Ich gebe auf“, kreisen im Kopf herum und rauben Kraft.

Oft kommt dann eine Phase des Feilschens. Plötzlich keimt wieder Hoffnung auf, dass doch noch etwas zu machen ist. Wir beten intensiv zu Gott, versprechen ihm, unser Leben zu ändern, mehr zu beten, mehr an andere zu denken, gesünder zu leben … Wir sind bereit, alles zu tun, wenn nur eine Besserung eintritt, wenn der Ehemann wieder zurückkommt, wenn …

Trauer zulassen

Allgemein gilt: Erst wer diese Phasen durchlitten hat, wächst hin zu einer Annahme der Situation. Es ist sehr selten, dass jemand einen durchkreuzten Wunsch oder einen Verlust sofort annehmen kann. Ein Mensch geht durch Zeiten der Wut und Rebellion, Angst und Sorge, Entmutigung und Verzweiflung, wenn er etwas Liebes verliert oder etwas Wichtiges nicht haben kann – wenn tief greifende Wünsche unerfüllt bleiben!

Die Gefühle, die ich eben beschrieben habe, sind ein normaler Bestandteil der Bewältigung einer schwierigen Situation. Ein Mensch ist weder besonders schwach oder labil, ungläubig oder sündig, unfähig oder selbstbezogen, wenn seine Gefühle sich dann überschlagen. Versuchen Sie nicht, die Tapfere zu spielen, sondern stehen Sie im vertrauten Kreis der Familie oder Ihrer Freunde zu Ihrem Empfinden. Nehmen Sie sich Zeit zum Alleinsein – um zu trauern, zu verarbeiten, nachzudenken, Ruhe zu finden.

In dieser Zeit der Gefühlsstürme kann das Lesen der Psalmen heilend wirken. Vielleicht haben Sie zurzeit Mühe mit dem Gebet: Ihnen fehlen die Worte, Gott scheint unendlich weit entfernt. Da kann ein Klagepsalm genau das ausdrücken, was Sie empfinden. Wir müssen und können Gott nichts vorspielen. Vor ihm dürfen wir ganz ehrlich sein, die innersten Gefühle ausdrücken, auch wenn sie nicht „fromm“ erscheinen. Denn er liebt uns auch in den dunklen Stunden und mit all unseren Schwächen.

„Man muss durch diese Phase der Empörung durchgegangen sein, um zur echten Annahme zu gelangen, und zwar nicht durch eine Willensanstrengung, sondern unter der Mithilfe Gottes“, fasst der Schweizer Arzt und Seelsorger Paul Tournier seine Gedanken über die Trauerarbeit zusammen.

Trauer braucht nicht nur Zeit, sondern auch Kraft. Es werden dabei gleichsam zwei Arbeiten auf einmal erledigt: das Verarbeiten des Verlustes und die Mühe des täglichen Lebens. Lassen Sie sich also Zeit zur Verarbeitung und gönnen Sie sich Momente der Erholung.

Neues empfangen

Gott verheißt uns in der Bibel kein tränenloses Glück. Wenn uns Krankheit, Trennung oder ein anderes Unglück trifft, ist das kein Zeichen, dass Gott uns verlassen hat oder uns bestrafen will. Nein, solche harten Schläge sind ganz einfach ein Zeichen dafür, dass wir nicht im Paradies leben, sondern in einer gefallenen Welt, in der das Böse regiert.

In der wohl schlimmsten Zeit meines Lebens, als ich ein Kind durch plötzlichen Kindstod verlor, wurde mir ein Vers in der Bibel besonders wichtig: „Wenn du durch Wasser gehst, will ich bei dir sein, dass dich die Ströme nicht ersäufen sollen; und wenn du ins Feuer gehst, sollst du nicht brennen … so fürchte dich nun nicht, denn ich bin bei dir“ (Jesaja 43, 2.5).

Gott verspricht uns hier nicht, dass er uns mit dem Hubschrauber aus dem Hochwasser unserer Probleme rettet oder dass er das Feuer der Not gänzlich auslöscht. Er verspricht auch nicht, dass er uns immer vor Unglücksfällen und schwierigen Zeiten verschont, aber er gibt uns die Zusage, dass er ganz nahe bei uns ist und uns durchträgt.

Leere Hände können neu gefüllt werden. Das können wir immer wieder erfahren. Alle Veränderungen im Leben bergen auch die Chance in sich, dass Neues entstehen kann. Doch erst wenn wir das Alte betrauert und losgelassen haben, werden wir frei für neue Inhalte.

Jeder Mensch wird im Lauf seines Lebens auf irgendeine Art in die Leidensgemeinschaft derer gestoßen, die einen Verlust verkraften oder mit geplatzten Wünschen leben müssen. Auch Julie von Hausmann (1826-1901) gehörte dazu. Sie war ein kränkliches Kind und litt ihr Leben lang unter heftigen Migräneanfällen, die nur dann auszuhalten waren, wenn sie sich bewegungslos hinlegte. Der bohrende Schmerz raubte ihr unzählige Stunden Schlaf.

In den durchwachten Nächten hatte sie viel Zeit zum Nachdenken. Nach und nach entstanden dabei zahlreiche Lieder, die ihre innere Not, ihr Ringen zwischen Schmerz und Trost, Verlassenheit und Geborgenheit, Hoffnungslosigkeit und Zuversicht ausdrücken. Das Lied „So nimm denn meine Hände und führe mich“ spricht ganz besonders zu den Herzen vieler Menschen. In einer Strophe, untenstehend, spannt sie eindrücklich den Bogen von den dunklen Stunden des Schmerzes, die sie nur zu gut aus ihrem Leben kannte, zum Trost, den sie durch die Beziehung mit Gott empfing.

Annemarie Pfeifer

„Wenn ich auch gleich nichts fühle von deiner Macht, du führst mich doch zum Ziele, auch durch die Nacht: So nimm denn meine Hände und führe mich bis an mein selig Ende und ewiglich!“
Julie von Hausmann

Fragen zum Schwerpunktthema dieser Ausgabe „Leiden“:

  1. Worunter leiden Sie am meisten?
  2. Können Sie gut mitleiden?
  3. Was hat Ihnen im Leid geholfen?
  4. Inwieweit kann Ihrer Ansicht nach der christliche Glaube helfen, Leid zu bewältigen?


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