Leseprobe September 2004 |
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Jetzt nur nichts anmerken lassen! Zähne zusammen beißen – gequält lächeln und höflich gratulieren! Den Triumph gönne ich ihm nicht, auch noch neidisch zu sein. Nichts ist nämlich peinlicher und demütigender, als beim Neid ertappt zu werden. Neidisch sind doch nur die Unfähigen und Ohnmächtigen, die Versager – ich doch nicht! Jedenfalls nach außen nicht.
An einem Neid erregend dicken Auto las ich auf einem Aufkleber: „Mitleid gibt’s umsonst – für Neid muss man hart arbeiten.“ Und Wilhelm Busch wird der Satz zugeschrieben „Neid ist die aufrichtigste Form der Anerkennung.“ Da ist ohne Frage was dran, oder?
Irgendwie muss man ja reagieren, wenn der Neid tief im Innern bohrt. Die einfachste Selbstverteidigung besteht darin, abzuwerten und klein zu machen, was unseren Neid hervorruft: Mercedes fahren doch nur Opas mit Hut! – So ein Swimmingpool würde mir viel zu viel Arbeit machen. – Zugegeben, sie sieht mit ihren blonden Haaren ja gut aus, aber sie ist einfach strohdumm! – Ach, so viel Geld möchte ich gar nicht haben; Geld verdirbt doch nur den Charakter …
Offenbar schon tiefer sitzt das Problem, wenn man dem anderen aus dem Weg geht und den Kontakt abbricht oder einschlafen lässt. Vielleicht geschieht das sogar unbewusst. Irgendwie fühle ich mich in seiner Gegenwart unwohl. Das miese Gefühl, das er in mir auslöst, muss ich mir schließlich nicht immer wieder antun.
Ganz heftig wird es natürlich, wenn anderen aus Neid Schaden zugefügt wird. Das fängt beim zerkratzten Autolack an und reicht bis zur Verleumdung oder zur Sabotage im Betrieb. Neid kann Menschen zu Verbrechern machen.
„Wo Neid herrscht, da herrscht auch Unordnung und Bosheit“, schreibt Jakobus (Jakobus 3, 16). Und Paulus nennt den Neid in einem Atemzug mit Unzucht und Saufen in seiner Liste der „Werke des menschlichen Eigenwillens (Fleisch)“ in Galater 5, 21.
Für die katholische Kirche gehört der Neid sogar zu den Todsünden. Es geht beim Neid also um mehr als um eine kleine, menschliche Schwäche.
Ohne Frage: Neid ist zerstörerisch. Er zerstört die Beziehungen zwischen Menschen. Das Fatale aber ist, dass die Bombe, die die Brücke zum anderen zerstört, nicht auf der Seite des „Gegners“ hochgeht, sondern auf meiner eigenen. Neid verletzt nicht den Gegner, dem er gilt, sondern mich selbst. Der Schuss geht grundsätzlich nach hinten los.
Ich bin in meinen Gefühlen blockiert. Ich beschäftige mich in Gedanken mit dem anderen, während der fröhlich seinen Alltag lebt und gar nichts mitkriegt von meinem inneren Abrieb.
Neid kann einen Menschen krank machen und völlig aus der Bahn werfen. Ich bin abgrundtief unzufrieden mit mir und der Welt und unter Umständen auch mit Gott.
Das ist doch ungerecht von Gott: Wieso kann die sich das alles leisten, und ich muss jeden Euro dreimal umdrehen? Wieso gelingt ihm alles, was er anpackt, und ich muss eine Schlappe nach der anderen einstecken
Fähigkeiten, die jemand hat, Eigenschaften, Erfolge, Besitz … alles Mögliche kann uns neidisch machen. Und doch ruft nicht alles unseren Neid hervor.
Was geht eigentlich in uns vor, wenn wir neidisch werden? Schauen wir noch etwas genauer hin.
Wenn George Bush wieder Präsident der USA wird, macht mich das nicht neidisch, aber wenn Sven besser Gitarre spielt als ich (oder in die Gruppenleitung berufen wird), kann das schon an die Substanz gehen.
Wenn einer der reichsten Männer der Welt, Bill Gates, ein paar Milliarden Dollar hinzuverdient, berührt mich das nicht wirklich. Jedenfalls nicht annähernd so tief, wie wenn mein Kollege befördert wird und 63 Euro mehr verdient als ich.
Neid kommt aus dem Vergleichen. Und deshalb entsteht Neid vor allem dann, wenn ich den anderen als mit mir vergleichbar einschätze. Der Nachbar ist ein weit größeres Problem als jeder Fernsehstar. Das Glück des Schwagers provoziert ungleich mehr als das des Olympiasiegers. Das heißt: Neid setzt immer eine Beziehung zwischen Neider und Beneidetem voraus.
Wir haben miteinander irgendwie zu tun und sind grundsätzlich in vergleichbaren Situationen. Sein Glück, sein Erfolg, sein Reichtum könnte eigentlich auch meiner sein. Wenn es ihm gelingt, wieso nicht auch mir?
Aber nicht nur zur Person, auch zur Sache, die meinen Neid auslöst, habe ich eine besondere Beziehung. Es handelt sich um etwas, das mir wichtig ist.
Wer keine drei Töne richtig singen kann und deshalb hoffentlich auch nicht im Chor mitsingt, wird kaum Probleme damit haben, dass Marie schon wieder das Solo singt. Vielleicht nehme ich das nicht einmal richtig wahr. Ist das Singen aber auch mein Hobby, kann es schon einmal merkwürdige Misstöne in meiner Seele während des Solos geben.
Was auch immer der Auslöser war: der Neider kommt zu dem Ergebnis, dass der andere ihm überlegen ist, besser ist als er selbst. Damit sind wir einen Schritt näher beim Kern des Problems: Neidgefühle sind Verunsicherungsschmerzen.
Wie mühsam habe ich mein Selbstwertgefühl aufgebaut. Was habe ich nicht alles getan, um dem Blick in den Spiegel standhalten zu können. Wie lange hat es gedauert, bis ich mir gesagt habe: So übel bist du gar nicht.
Du brauchst dich deiner nicht zu schämen, brauchst den Vergleich nicht zu scheuen. Schließlich hast du es auch zu was gebracht. Du hast deine Prüfung ordentlich bestanden, du besitzt ein schönes Haus, du siehst ganz gut aus … Doch, du kannst mit dir ganz zufrieden sein!
Und dann kommt da jemand daher und stellt mit einem Schlag alles in Frage. Ohne auch nur ein Wort zu sprechen sagt er mir: So gut wie du meinst bist du gar nicht. Ich jedenfalls bin besser. Schließlich bin ich für die Beförderung ausgewählt worden. So toll ist dein Haus gar nicht – schau dir nur meins an, dann weißt du, was von deinem zu halten ist. So gut wie du meinst, kommst du gar nicht an. Sonst hätten sie doch wohl dich gewählt und nicht mich …
Neidgefühle sind Symptome einer gravierenden Krankheit, von der wir dachten, sie sei längst ausgeheilt: mangelndes Selbstwertgefühl.
Weil das Problem des Neides so tief geht, kommen wir mit Moral nicht weiter. Der Appell an das eigene Ich („Reiß dich zusammen“) führt bestenfalls zum Verstecken des Neides wie oben beschrieben. Wir wissen ja, wie unmöglich und inakzeptabel unsere Neidgefühle sind. Als ob wir sie nicht lieber heute als morgen los wären. Nein, wir brauchen keine Ermahnung, wir brauchen Erlösung.
Wir brauchen eine Lösung, die bis an die Wurzel, die Ursache für unseren Neid heranreicht. Und die kann nur darin bestehen, dass wir die Gemeinschaft mit Gott, die im Paradies für uns vorgesehen war, so intensiv wie möglich suchen und pflegen.
Ja, aber dann dürften Christen doch eigentlich gar nicht neidisch sein. Schließlich sind sie durch Jesus doch Kinder Gottes geworden. Und in vielen Liedern und Gebeten loben sie Gott doch dafür, dass er sie so liebt.
Tja, eigentlich stimmt das … wenn da nicht das Problem wäre, dass wir immer noch auf der Erde leben. Im Himmel, im zweiten Paradies, wird es keinen Neid mehr geben. Aber solange wir hier noch unterwegs sind, geht es nicht um alles oder nichts, sondern immer nur um mehr oder weniger.
Neidgefühle sind ein Anzeiger dafür, wie tief wir wirklich – nicht nur in unserer Erkenntnis – in Christus verankert sind bzw. wie weit wir doch noch von den Denkschemata dieser Welt geprägt werden.
Wo unser „Neidometer“ heftig ausschlägt, bringt es nichts, den Neid nicht wahrhaben zu wollen. Es hilft wohl nur das offene Gespräch mit Jesus darüber: „Herr, du siehst, was da in mir vorgeht und wie sehr mich das umwirft. Ich bin selbst erschrocken über mich und meine Empfindungen. Aber ich werde es alleine nicht los. Mach du mich frei davon.“
Und dann wird es sicher gut tun, noch einmal die im Laufe der Zeit verblassten Grundlinien meines Glaubens anzuschauen, sie sozusagen mit einem dicken Stift nachzuziehen: „Danke, dass du mich gewollt hast und mich liebst. Danke, dass du weißt, was ich wirklich brauche. Danke, dass ich brauchbar bin trotz meiner Durchschnittlichkeit. Danke, dass ich okay bin trotz meiner Fehler. Danke, dass du mich so sehr liebst, dass du für mich dein Leben gegeben hast.“
Das ist die Wahrheit, so sehen die Fakten aus. Indem ich sie immer wieder ausspreche und Gott dafür danke, werden sie mir neu bewusst. Und meine Seele wird ein Stück weit versiegelt, dass die Samen des Neides nicht einwurzeln können. Wie gesagt, wir sind noch nicht im Himmel, aber wir sind doch unterwegs dorthin.
Wolfgang Kraska