Leseprobe Mai 2004 |
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Sage mir, wie du mit dir redest, und ich sage dir, wie es dir geht …
Ich sitze im Zugabteil. Habe mir heute nichts zu lesen mitgenommen und schaue abwechselnd auf die Füße meiner Abteilnachbarn oder aus dem Fenster. Es ist noch früher Vormittag, und ich schätze, hier sitzen überwiegend Leute, die jeden Morgen diese Strecke fahren. Jedenfalls kennen sie sich und schwatzen eifrig. Da bleibt es nicht aus, dass ich einige Satzfetzen mitbekomme. Und damit auch einen Eindruck ihrer Beziehung zueinander.
Dabei fällt mir auf, wie viel man aus ein paar Worten erfahren kann. Aus Worten, die man über andere oder auch über sich selbst so dahinsagt. Hier gilt nicht: Worte sind Schall und Rauch. Ich finde, hinter solchen Worten steckt immer so etwas wie ein Lebensgefühl, ein ganzer Lebensstil.
Hinter geringschätzigen Worten, bewundernden, kritisierenden, bewertenden, teilnahmsvollen, ermutigenden, erleichternden, belehrenden, ironischen oder ernsten Worten über andere steckt auch lupenrein, was ich von mir selbst halte. Und weil ich die anderen nur so weit lieben kann, wie ich mich selbst liebe, sind meine Worte über andere ein sicheres Zeichen meiner Beziehung zu mir selbst, und umgekehrt sind die Worte und Gedanken über mich selbst Zeichen für meine Beziehungsfähigkeit überhaupt. Und das Problem Nummer eins in Beziehungen sind die Worte. Gesprochene und unausgesprochene.
Vielleicht kann man sogar so weit gehen und sagen: Sage mir, wie du mit dir redest (was du dir einredest), und ich sage dir, wie es dir geht, das heißt wie du dich fühlst in dieser Welt, wie du die anderen einordnest, welchen Raum du deinem Gott gibst und wo du dich letztlich hinbewegst durch all deine Lebensäußerungen.
Welche Worte finde ich für mich – wie gehe ich gedanklich mit mir um? Geringschätzig? Ermutigend? Überheblich? Demütigend?
Und wenn ich meine eigenen persönlichen "Einreden", meine Selbstgespräche oder Gedanken betrachte, fällt mir auf, wie schwergewichtig diese "Einreden" sind, wie sie mich bestimmen, ja fast programmieren für meinen Tag, für meine Lebensgestaltung.
Wie schwergewichtig sind solche Worte, die ich auf mich beziehe, die ich mir "anziehe" wie eine zweite Haut! Kann ich in ihr wachsen oder erstickt mich diese Haut? Und kommt es nicht dem Erstickungstod gleich, wenn ich "falsch Zeugnis rede" wider mich selbst, indem ich nach einer missratenen Aktion verlauten lasse: "Ich bin doch wirklich das Allerletzte!"
Damit tue ich nicht nur meinem Schöpfer unrecht, sondern erweise mir auch selbst einen denkbar schlechten Dienst.
Gerade auch mir selbst gegenüber muss ich lernen, wertschätzende, ermutigende Worte und Gedanken einzuüben. Sicher auch korrigierende, aber nie demütigende.
Und das ist gar nicht so leicht, je nachdem, was ich übernommen habe an Selbstbewertungsgewohnheiten. Und manch schlechter Gewohnheit kann und soll ich in Gottes Namen eine bessere entgegenhalten!
Da gibt es verschiedene Tipps: Ich erlaube mir das Einnisten dieser Gedanken nicht, also Gedankenstopp. Oder ich beginne einen Dialog mit meinen Gedanken, denke zu Ende, um ihnen die Stoßkraft zu nehmen, sie zu überwinden.
Oder ich frage nach der Wurzel dieser Einreden, was sie über mich aussagen, damit ich mich dann entscheiden kann, welche Gedanken wirklich Aussagekraft für mein Leben haben sollen.
Aber eines ist vor allem entscheidend: den Worten Gottes, die über mich gesagt sind, Gehör zu verschaffen – mit Ohren, Augen und dem Herzen. Mir die Anrede Gottes gefallen zu lassen über all den Selbsteinreden.
Denn Gottes Wort straft all meine negativen Bewertungen Lügen: Mein Verzagtsein oder meine Blockaden haben eben nicht das letzte Wort. Ich kann aus dem Teufelskreis von alten Denk-Gewohnheiten heraustreten, denn wenn sein "Wort offenbar wird, so erfreut es und macht klug die Unverständigen" (Psalm 119, 130).
Und gerade, wenn ich mich selbst nicht mehr verstehe und andere in mir ein schlicht unlösbares Rätsel sehen, dann gilt immer noch: "Ich sitze oder stehe auf, so weißt du es; du verstehst meine Gedanken von ferne" (Psalm 139,2).
Er versteht! Ich werde verstanden, bin annehmbar! Demütigende Worte in mir können zu konstruktiv kritischen und vielleicht dann sogar zu ermutigenden Worten werden, die aber trotzdem noch echt sind.
Bei Gottes Wort gilt, dass es nicht nur äußere Feinde überwinden kann, sondern auch den Feind, der ich mir selbst bin durch negative Einreden. Er bietet sein kraftvolles Wort für mein kraftloses Leben an. Meine Entscheidung kann nur sein: „Heile du mich, Herr, so werde ich heil; hilf du mir, so ist mir geholfen“ (Jeremia 17, 14). Denn „die Anrede Gottes gibt mehr Mut als alles Gerede der Welt“ (Peter Hahne).
Und mich dieser "Anrede" vermehrt zu stellen, dies zur Gewohnheit werden zu lassen, das ist keine Sache der Willensstärke, sondern der Klugheit, die in Jesu Namen erkannt hat: "Du, Herr, bist der Schild für mich, du bist meine Ehre und hebst mein Haupt empor" (Psalm 3, 4).
Das Feuer des Wortes Gottes bringt meine unrealistischen Einreden zum Schmelzen und verschafft seiner Realität Lebenskraft in mir.
Simone Kannwischer