Leseprobe Februar 2004


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Nein sagen leicht gemacht

Hilfreiche Grenzen setzen

Aber in Zukunft wird’s funktionieren. Davon war Sabine fest überzeugt, als sie von einem Seminar zum Thema Nein-Sagen nach Hause kam. Sie hatten jede Menge Rollenspiele inszeniert und einander versichert, dass jeder ein Recht auf Abgrenzung habe. Aber wie das so ist, zwischen Theorie und Praxis liegen Ozeane.

Noch am gleichen Abend rief der Pastor an und bat Sabine, die Organisation des abendlichen Büfetts zur 100-Jahr-Feier zu übernehmen. „Ich denke, du als Hauswirtschafts- und Ernährungswissenschaftlerin bist dafür bestens geeignet“, so seine Worte, „und wie ich dich einschätze, gibst du mir sicher keinen Korb.“ „Das geht in Ordnung“, sagte Sabine - überrascht und geschmeichelt zugleich. Dass ihre Zwillinge genau an diesem Tag fünf Jahre alt wurden und man nach solch einem Kindergeburtstag eigentlich heilfroh wäre, wenn am Abend endlich Ruhe einkehrte, das blendete Sabine aus.

Kurz darauf rief Sabines Mutter an und kündigte ihren Besuch zum Geburtstag der Zwillinge an. „Finde ich toll“, sagte Sabine, „wie wäre es, wenn du dann gleich die drei Wochen bis Weihnachten bei uns bliebest?“ Normalerweise reichten schon drei Tage mütterlicher Anwesenheit, und Sabine fühlte sich reif für die Müttergenesungskur. „Du sagst nicht nur Ja, obwohl du Nein sagen solltest, und tust auf diese Weise ständig mehr, als dir gut tut. Du forderst andere geradezu zu dem auf, worunter du nachher bitter leidest“, kommentierte Sabines Mann, was er da miterlebte. Und Sabines Fazit? „Ich weiß, ich weiß - ich bin einfach zu gut. Ich bringe das eben nicht fertig, so hart zu sein und anderen etwas abzuschlagen.“

Das offenbart aber eher die Angst, nicht geliebt zu werden, die Angst, andere zu enttäuschen (und in der Tat ist solches zu erleben), die Angst vor Konflikten und die Angst, Ansehen, Streicheleinheiten und Ehrentitel zu verspielen.

Jedes Nein schafft Distanz. Jedes Nein signalisiert meinem Gegenüber: Ich bin anders als du. Wir sind weder in unseren Stärken und Schwächen, weder in unseren Wertvorstellungen und Wünschen noch in unseren Kräften und Grenzen deckungsgleich. Und genau das macht vielen Leuten Angst. Ihr Ideal heißt: „Harmonie durch völlige Übereinstimmung.“ Und jedes Nein ist für sie eine Gefährdung ihres Ideals.

Schade um die Risiken und Nebenwirkungen dieses Lebensstils - grenzenlose Energiebündel gibt es nun mal nicht. Irgendwann ist man ausgebrannt. Dann rebelliert der Körper und oft genug die Seele. Irgendwann wächst der Groll gegen die, die sich Abgrenzung erlauben.

Irgendwann melden sich Schadensersatzansprüche gegen die, für die man sich abgerackert hat, ohne dass sie es einem groß danken. Ohne Zweifel! Leute, die einem so gut wie nie etwas abschlagen, meinen es sicherlich gut. Aber Gutgemeintes ist noch lange nicht gut. Wer den Erwartungen anderer öfter nachkommt, als es die eigenen Kräfte erlauben, tut dem anderen in Wirklichkeit gar keinen Gefallen. Probleme und Aufgaben anderer immerzu auf die eigenen Schultern zu packen, überfordert einen selbst und nimmt den anderen die Chance, ihr Leben selbst zu meistern.

Verwöhnung (eine Form des Dauer-Ja-Sagens und der ständigen Übernahme von Aufgaben anderer) ist neben Vernachlässigung die sicherste Art, Kinder lebensuntüchtig zu machen. Für mich persönlich war genau diese Einsicht notwendend.

Glaubwürdig leben

Im Übrigen: Wer dauernd versucht, Erwartungen anderer gerecht zu werden, der ist nicht edel, der dreht Gott das Wort im Mund herum. Er handelt, als hätte Gott uns aufgetragen: „Liebe deinen Nächsten statt deiner selbst!“ In Wirklichkeit hat er gesagt: „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst!“

Dass wir unseren Schöpfer geradezu beleidigen, wenn wir versuchen, unsere persönlichen Grenzen zu ignorieren, das heißt, fahrlässig umgehen mit dem, was Gott geschaffen hat, das kommt auch noch hinzu. Angenommen, Sie kennen das Problem aus eigener Anschauung, dann suchen Sie den Schlüssel zur Veränderung am besten nicht in den Taschen anderer. Denn da ist er nicht. Warum sollten die Leute, die es mit Ihnen so wunderbar leicht haben und kaum eine Ablehnung erleben, aufhören, Sie weiterhin um alles Mögliche und Unmögliche zu bitten?

Nein, Veränderung kann nur bei Ihnen geschehen oder sie geschieht überhaupt nicht. Was dazu hilft? Sich all das Absurde eines Lebensstils „scheinbarer Grenzenlosigkeit“ vor Augen zu führen, sich der eigenen Gaben und Grenzen bewusst zu werden und sich täglich ein „Vollbad“ in der Liebe Gottes zu gönnen, ungeachtet dessen, was wir schaffen und schuldig bleiben.

Das hilft, sich selbst wertzuschätzen, und mehr und mehr unabhängig zu werden von lückenloser Wertschätzung durch andere Menschen. Und genau diese Unabhängigkeit ist die Voraussetzung, Nein sagen zu können. Letztlich sind Leute, die Nein sagen können, eine Wohltat, denn sie sind die einzigen, denen man auch ihr Ja von Herzen glauben kann.

Marion Buchheister

Fragen zum Schwerpunktthema dieser Ausgabe „Nein-sagen-Können“:

  1. Fällt Ihnen Nein sagen leicht?
  2. Haben Sie den Eindruck, dass Sie sich überfordern?
  3. Haben Sie die Prioritäten in Ihrem Leben richtig gesetzt?
  4. Wo würden Sie gerne einmal Nein sagen?


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