Leseprobe Dezember 2003 |
zurück zum BK |
Die Wochen vor Weihnachten sind etwas Besonderes. Darum versuchen wir sie auch besonders zu füllen - mit Weihnachtsschmuck und Kerzen, mit festlicher Musik und Geschenken, mit Weihnachtsgebäck und Feiern.
Aber für viele Menschen hat diese Zeit längst einen bitteren Beigeschmack bekommen. Eine Mischung aus Verzweiflung und Hoffnung ist daraus geworden. Warum?
In der Advents- und Weihnachtszeit kommen Gefühle hoch: Erinnerungen an die eigene Kindheit leben wieder auf, Sehnsüchte werden in uns wach - nach Geborgenheit, nach heilen Beziehungen, nach kindlicher Freude. Schuldgefühle tauchen auf, wenn uns einfällt, was wir versäumt haben an Freundlichkeit, Nähe und Zuwendung.
Solche Gefühle und Sehnsüchte nutzt die Werbung, um unsere Kauffreudigkeit anzuheizen. Da, wo uns etwas fehlt, wo wir etwas vermissen, sind wir am besten manipulierbar. Und so wird uns eingeflüstert: „Wenn du kaufst, bekommst du die dazugehörigen Gefühle gleich noch mitgeliefert.“ Oder: „Wenn du bei uns kaufst, dann löst du Zuhause Gefühle der Wärme und Liebe aus. Eure Familie wird wieder heil, eure Ehe wird wieder gut, eure Beziehungen gelingen wieder.“
In den Firmen müssen viele Aufträge noch bis Weihnachten oder bis zum Jahresende erledigt werden. Und in der Familie sieht es oft auch nicht viel besser aus. Dabei liegt das Problem meist nicht in den ungezählten Möglichkeiten, mit denen wir die Advents- und Weihnachtszeit füllen könnten, sondern in den vielerlei Erwartungen, die uns treffen und die wir meinen erfüllen zu müssen: „Tante Sofie und Onkel Gustav dürfen wir nicht vergessen, wenigstens einmal im Jahr sollten sie einen Gruß bekommen.“
„Die Küche und das Wohnzimmer müssen blitzblank und die Vorhänge alle gewaschen sein.“
„Die Kinder müssen mit ihren Klassenkameraden mithalten können, darum sollten wir uns das ruhig etwas kosten lassen.“
Hinter all diesen Ansprüchen stecken Erwartungen anderer, die wir uns zu Eigen machen und die dann zu übergroßen Erwartungen an uns selbst werden.
Wir wünschen uns Harmonie, Frieden, Verständnis, mehr Offenheit, einfach Glück - und gerade dann kracht es am meisten ...
Allein lebenden Menschen wird es in der Weihnachtszeit am meisten bewusst, dass sie eben oft nicht nur allein, sondern einsam sind. Der Gesprächs- und Austauschpartner, den man sich wünscht, fehlt dann häufig.
Dieses Bewusstsein wird besonders in der angeblich so kommunikativen Zeit vielen einsamen Menschen schmerzhaft deutlich und darum ist auch die Selbstmordrate in dieser Zeit besonders hoch. 1994 machte die Bild-Zeitung Werbung mit großen Plakaten unter dem Titel: „Bild macht aus Weihnachten Zwei-Nachten - Bekanntschaftsanzeigen in Bild.“
Auch hier wird mit Sehnsüchten gearbeitet und manipuliert. Wer will schon an Weihnachten allein sein? Die Anzeige suggeriert: „Such dir in der Zeitung einen Partner und Weihnachten wird schön.“
Adventszeit ist auch die Zeit, in der in uns Menschen eine Ahnung auftaucht, dass es mit Gott und Jesus vielleicht mehr auf sich haben könnte, als wir das Jahr über damit zu tun haben wollen. Und um sich damit nicht auseinander setzen zu müssen, verfallen wir in tausenderlei Aktionen.
Wir beruhigen unser schlechtes Gewissen und fliehen vor der Auseinandersetzung mit dem eigentlichen Thema dieser Zeit. Adventszeit ist von ihrer ursprünglichen Bedeutung her Fastenzeit. Also Zeit des Rückzugs, eine Zeit, in der wir nicht so viel tun, sondern uns Zeit nehmen sollten für die eigene Besinnung, Zeit, unser Leben zu ordnen und zu überdenken, unser Leben unter den Frieden Gottes zu stellen. Die Adventszeit war dafür gedacht, unser Leben einmal aus der Distanz zu betrachten oder vom Ende her anzusehen.
Was wird sein, wenn ich einmal vor Gott stehe? Hat mein Leben, so wie ich es heute lebe, dann Bestand? Lebe ich mit den richtigen Prioritäten oder ist mein Leben von Dingen bestimmt, die dann gar nicht mehr zählen würden? Das alles sind Themen, die eigentlich in die Adventszeit gehören und uns beschäftigen sollten.
Aber was haben wir aus der Adventszeit gemacht? Wir haben Stress statt Stille, Hektik statt Besinnung, Schlemmerei statt Fasten, Verausgabung statt persönlicher Ruhezeit, Zerriebenwerden statt Kraft tanken, Unfrieden statt Vergebung empfangen. Es hat seine Gründe, dass das so geworden ist, denn oft haben wir Angst vor der Stille, Angst vor der Begegnung mit Gott. Denn wir wissen, dass sich etwas ändern wird in unserem Leben, wenn wir Gottes Reden in unserem Leben zulassen. Und vor Veränderung, vor Konsequenzen haben wir Angst.
Da fliehen wir doch lieber in Hektik und Unruhe. Je mehr uns aber die ursprüngliche Bedeutung oder der ursprüngliche Sinn der Advents- und Weihnachtszeit wieder bewusst wird, desto weniger hektisch werden wir diese Zeit erleben. Je mehr wir wieder den eigentlichen Sinn dieser Zeit entdecken und in die Mitte unseres Denkens und Entscheidens, unseres Arbeitens und Vorbereitens rücken, desto schöner werden wir diese Zeit erleben. Menschen, die Jesus bewusst wieder ins Zentrum ihres Lebens rückten, haben es erlebt, wie sich auch ihre Advents- und Weihnachtszeit verändert hat und mit neuen sinnvollen Elementen gefüllt wurde.
Cornelia Mack
aus: Cornelia Mack (Hrsg.), Weihnachten, Brunnen Verlag, Gießen