Leseprobe November 2003


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Der Erinnerung einen Ort geben

Gewinn bringender Rückblick

Das Grab ist weg. Einfach so. Plattgemacht. Eingeebnet. Noch wächst das Gras nicht auf der Brache. Noch liegen die ausgerissenen Sträucher, zwei große Rhododendren, achtlos am Rand der Grünschnittkippe. Vom Grabstein keine Spur. Vielleicht ist der längst recycelt worden, zu Schotter gemahlen.

Mich schmerzt die Entdeckung, dass nun dort, wo fast 50 Jahre lang das Grab meiner Urgroßeltern war, eine Lücke klafft. Ab und an habe ich für einen Moment an diesem Ort innegehalten, um mich an zwei Menschen zu erinnern, denen ich nie begegnet bin und die mir trotzdem etwas bedeuten.

Jetzt also fehlt der sichtbare Raum, der bislang immer Platz für Trauer und Nachdenken, Innehalten und Träume spinnen bot. Was bleibt ist die Erinnerung. Heraufbeschworen durch Bilder: Eines zeigt die Urgroßmutter, die mit gütigem Gesicht an jeder Hand einen ihrer Enkel hält, ein anderes den Urgroßvater - mit weißem Haar und stattlichem Schnauzbart. Er sei ein Mann mit Prinzipien gewesen, heißt es. Von ihr weiß ich, dass sie eine prima Köchin war, fürsorglich, aber auch tonangebend, wenn es um das Sagen im Haushalt ging.

Rückschau und Ausblick

Manches, was die Vorfahren prägte(n), haben sie ihren Nachkommen zwangsläufig mitgegeben. Ähnlichkeiten wie die Form der Nase, der Ohren, die Augenpartie, dazu ein bisschen Stolz, Nachsicht, Humor. Dazu gibt es ganz familientypische Erinnerungen, die sich nicht an einem Ort festmachen lassen, sondern die wir mit uns, die wir in uns tragen.

Denn obwohl wir Denkmäler wider das Vergessen brauchen, ist es gut, dass nicht jedes Erinnern ein Denkmal braucht – oft genügen Herz, Hirn und Seele.

Dennoch machen wir viel Vergangenes am Konkreten fest. Der Ort des ersten Rendezvous’, der 3.000er, wo das Gipfelerlebnis am ganz frühen Morgen riesig war, das Hochzeitskirchlein – all das sind Plätze, die wir (nicht nur) in der Erinnerung gerne aufsuchen.

Andere Orte – die Unfallkurve, in der ein Freund tödlich verunglückte, oder auch Stätten, die das Gedächtnis an unsagbare Verbrechen wach halten – versetzen uns beim Passieren oder beim bewussten Besuch nadelfeine Stiche, sie wecken Unbehagen, Kummer, Ängste.

Wir brauchen beides: die Erinnerung an Schönes und Schweres. Schließlich macht beides unser Leben aus. Rückschauend und ausblickend.

Heilsamer Ort der Erinnerung

Über Generationen hinweg hält das Volk Israel die Geschichte seiner wundersamen Errettung aus der ägyptischen Sklaverei in Erinnerung, im kollektiven Gedächtnis. Die Alten erzählen den Jungen, wie Gott damals handelte, und mahnen, diesem Herrn auch im Heute hoffnungsvoll die Treue zu halten. Diese „Vergegenwärtigung von Vergangenem“ (Alfred Kuen / Fritz Grünzweig) wird im Passahfest erfahrbar, erlebbar, fühlbar.

Sie schmeckt bitter, weil die Passahgäste Bitterkräuter essen, um sich an das Bittere der Gefangenschaft zu erinnern, und sie schmeckt gut, weil das zubereitete Passahlamm auch ein Zeichen der Fürsorge Gottes ist.

Passah ist ein Fest des so genannten Alten Bundes. Siegfried Kreuzer: „Es hat in Jesus Christus sein Ziel und Ende gefunden. Christus ist als fehlerloses Passahlamm für uns geopfert. Durch sein Blut sind wir erlöst, und das Verderben geht an uns vorüber.“ Das Gedächtnismahl des Neuen Bundes ist das Abendmahl (Lukas 22, 19.20). Hier blickt der Christusgläubige „zurück auf die geschehene Erlösung und voraus auf das Wiederkommen Jesu“.

Damit wird das Abendmahl zu einem Ort der Erinnerung an das, was Jesus Christus für dich und mich lebte und tat. Es ist ein Hort für Trauer und Trost, für Hoffnung und Gewissheit, für Dank und für Bekenntnis.

Übrigens: Auch Gott gedenkt, auch er erinnert sich. Der Regenbogen ist sein Denkmal – an den ewigen Bund, den er mit seinen Menschen geschlossen hat (1. Mose 9, 12-17).

Claudia Irle-Utsch

Fragen zum Schwerpunktthema dieser Ausgabe „Heilsame Erinnerungen“:

  1. Erinnern Sie sich gerne zurück? Wenn ja, an was erinnern Sie sich am liebsten?
  2. Haben Sie auch Erinnerungsorte, die Sie gerne aufsuchen?
  3. Wie gehen Sie mit Enttäuschungen um, die Sie in Ihrem Leben erfahren haben?
  4. Von welchen (positiven) Erinnerungen können Sie erzählen?


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