Leseprobe Oktober 2003 |
zurück zum BK |
Am ersten Oktobersonntag feiern viele Kirchengemeinden das Erntedankfest. Manche Kirchen sind so prächtig mit Erntegaben und Blumen geschmückt, wie es keine Landwirtschaftsausstellung zu bieten vermag.
Andernorts ist man freilich längst zur Tagesordnung übergegangen. Es ist ja unbestritten, dass die Tradition des Erntedankfestes aus einer Zeit stammt, als die Menschen das ländliche Leben und Arbeiten viel hautnaher erlebten als heute.
Es ist eben ein Unterschied, ob ich als Kind in der Nachkriegszeit fast täglich mit Hacke und Rucksack über die Felder zog und als einzigen „Ertrag“ ein paar Krautblätter nach Hause brachte, oder ob ich in einer Feinbäckerei zwischen 18 Brotsorten wählen kann.
Und wer als Lehrling jeden Samstag Ställe ausmisten musste, hat natürlich zu Tieren ein anderes Verhältnis als einer, der sie nur von der Speisekarte oder BSE-Diskussion kennt.
Aber ist die Industrialisierung der Landwirtschaft und die Urbanisierung der Menschen ein Grund, undankbarer und gedankenloser zu sein? Machen menschliche Leistungen das Gotteslob überflüssig? Setzt eine wissenschaftlich gesteuerte Landwirtschaft die Rolle des Schöpfergottes außer Kraft? Oder sind gar Computerspiele Ersatz für Naturerfahrungen?
Auch ohne die unmittelbare Nähe zu Saat und Ernte, zu Produktion und Handel landwirtschaftlicher Güter bleibt eine tiefe Beziehung des Menschen zum Schöpfer wie zur Schöpfung. Das hatten sich frühere Generationen bewusst gemacht und praktiziert.
Ich habe es noch erlebt, dass zum Beispiel jede Aussaat mit den Worten begann: „Das walte Gott!“ Und wenn die letzte Fuhre Getreide eingefahren war, dann blieb sie im Hof stehen und alle Mitglieder des Betriebes bildeten einen Kreis darum und beteten das „Vaterunser“.
Bevor die Bäuerin ein Brot anschnitt, bezeichnete sie es mit dem Kreuz; und die Sonntagsheiligung wurde vielerorts selbst bei der Ernte durchgehalten - nicht ohne spürbaren Segen.
Nostalgie? Verklärung der Vergangenheit? Nein, ich denke: sichtbarer Ausdruck dankbarer Herzen. Es ist ein Skandal der Wohlstandsgesellschaft, dass aus Dankbarkeit weithin Gier geworden ist und aus Gottvertrauen Maßlosigkeit. Erntedank erinnert uns an die Treue Gottes und die Pflicht, ihm zu danken. Dabei ist die Gabe des Zehnten leider zum vergessenen Glaubensartikel geworden. Wer aber darin treu ist, erfährt, dass Gott sich nichts schenken lässt. Wenn Gottes Güte zur Selbstverständlichkeit wird, verlieren und verspielen wir ein Stück unserer Menschenwürde.
Wir brauchen uns angesichts weltweiter Ernährungsprobleme nicht des gesicherten Lebens zu schämen, aber auch nichts einzubilden. Dankbarkeit gegen Gott stellt weder Fleiß noch Arbeitstechnologie zurück, sie ist Ausdruck der Freude über Gottes unbegreifliche Zusagen.
Diese Freude hat verpflichtenden Charakter, nämlich: Die Natur neu zu entdecken und zu bewahren und das von Gott Geschenkte mit anderen zu teilen. Wo Natur zur „Seelenlosigkeit“ verarmt, wird Egoismus leicht zum Lebensstil. Wo das „Seufzen der Kreatur“ nicht mehr gehört wird, da schwindet die Barmherzigkeit für den Mitmenschen.
Der beziehungslose Mensch ist eines der größten Probleme der Zukunft. Erntedank lehrt Demut, Bescheidenheit und Zuwendung. Ein Festtag im Jahr ist dafür zunehmend wichtig. Dankbarkeit ist der Schlüssel zur Schatzkammer Gottes, Anfang der Menschlichkeit und Segen eines erfüllten Lebens.
Jürgen Stabe