Leseprobe Mai 2003 |
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Auf keinen Fall!", sagen die einen. Wie kann man diesen weltlichen Begriff "Glück" auch nur von ferne mit der Bibel verbinden? Und überhaupt: Christen sind keine Glücksritter! Glück hat mit christlichem Leben nichts zu tun!
"Auf jeden Fall!", sagen die anderen. Gerade das Alte Testament ist – zum Glück! – so erdnah, so menschlich, da haben das Thema und auch der Begriff durchaus ihren Platz. Und überhaupt: Warum sollen Christen nicht glücklich sein? Dürfen wir Worte wie "Lebensglück", "glücklich" und "beglückend" nicht mit christlichem Leben verbinden? – Ja, was tun? Wer hat Recht?
Ich versuche eine Begriffsklärung, und dann – entscheide ich mich für die zweite Meinung!
Das deutsche Wort "Glück" hat eine schöne Wurzel. Es kommt von "gelukken" und wahrscheinlich meint es ursprünglich: eine Lücke schließen, und, daraus abgeleitet: etwas gut beenden. Mit ziemlicher Sicherheit hingen auch die Begriffe "Glück" und "gelingen" zusammen. Glück ist demnach gelingendes Leben. Wer Glück hat, dem ist etwas gelungen; er erlebt Zufriedenheit.
Leider ist diese Wurzel und Grundbedeutung heute meist nicht mehr bekannt. Glück wird mit Zufall verbunden, es wird gebraucht für positive Augenblicke, die sich plötzlich ergeben. Daher kommen dann auch all die Wortverbindungen wie Glückssträhne, Glückstag, Glückstreffer, Glücksfee, Glückspfennig usw.
In dieser Beziehung findet sich das Wort Glück in der Bibel kaum. Aber das ist ja auch nur abgeflachte Deutung des Begriffs. Die Tiefenschicht finden wir in der Bibel immer wieder. Denn natürlich möchte die Bibel Menschen vermitteln, wie ihr Leben gelingen kann, wo sie Erfüllung, Zufriedenheit und Freude finden können. All dies meint der Begriff "Glück" eigentlich.
Mit dieser Überschrift können wir viele alttestamentliche Texte versehen. Menschen wünschen einander Glück, und Könige werden für ihr neues Amt mit Glückwünschen versehen.
Vor allem kommt es darauf an, dass Gott Glück gibt! Ohne das kommt niemand aus. Denn das Glück, das Gott schenkt, bedeutet, dass einer seinen Weg schafft. So wird beispielsweise von Joseph (1. Mose 39, 23) gesagt, dass Gott bei ihm war und Glück gab zu allem, was er tat. Genau dieses ist das größte Glück der Menschen: dass Gott bei ihnen ist und ihr Leben gelingen lässt.
Die Bibel erzählt aber auch von Unglück und nennt es auch so. Der König Saul sieht angesichts des Glücks Davids sein eigenes Unglück heraufziehen (1. Samuel 18, 15). Aber auch David wird unglücklich, nachdem er Ehebruch begangen hat (2. Samuel 16, 8). Oft kommt Unglück massiv auf, wenn Menschen Gott als die Quelle ihres Glücks verlassen.
Glücklich sein heißt: Bei Gott geborgen sein. Das zeigt die Bibel auf Schritt und Tritt: der ist glücklich dran, der sein Vertrauen auf Gott setzt. Er kann es schwer haben, und trotzdem ist er tief drinnen ruhig: "Und ob ich schon wanderte im finsteren Tal, fürchte ich kein Unglück" (Psalm 23, 4). Dazu lässt Gott sein Volk wählen: Ein Leben mit Gott ist ein Leben voller Glück, dagegen ist das gottlose Leben ein unglückliches Leben. (5. Mose 28)
Allerdings weiß das Alte Testament auch von mancher Enttäuschung: es berichtet von Menschen, die nicht damit fertig werden, dass sie Gott vertrauen und trotzdem Unglück leiden müssen. So finden wir in Hiob einen frommen Mann, der trotzdem so viel Unglück zu tragen hatte (Hiob 7, 7; 9, 25).
Warum leben Gottlose oft im Glück, während Fromme leiden müssen (Hiob 21, 13 f; Psalm 73, 12)?
Aber diese bittere Erfahrung hat nicht das letzte Wort. Der Beter in Psalm 73 lernt aus Erfahrung. Im tiefsten weiß er sich ("dennoch!") geborgen bei Gott, egal wie glücklich oder unglücklich er sich fühlt. Er merkt, dass sein Leben dann gelungen ist, wenn er Gott gefunden hat.
Im Neuen Testament merken wir endgültig, was eigentlich Glück ist: Der Tod Jesu Christi am Kreuz ist ja auf den ersten Blick nichts als Unglück. Trotzdem liegt in diesem Unglück das Glück für die ganze Welt. Jesus ist dafür gestorben, dass unser Leben mit Gott wieder ins Reine kommt, dass es endlich gelingen kann. Das ist das "harte Glück des Kreuzes", wie einer einmal gesagt hat. Deshalb geht es im Neuen Testament noch um eine andere Dimension von Glück: Wirkliches Glück liegt nicht darin, dass Menschen reich werden und viel Erfolg haben. Auch das kann Glück sein, aber es hat keine Dauer. Wirklich glücklich ist der, der hinter Jesus Christus hergeht.
Die werden glücklich genannt, die ihr Leben von Gott gestalten lassen. Die sind glücklich, die andere glücklich machen, die den Leuten ohne Frieden, ohne Sinn, ohne Hoffnung, ohne Sicherheit, ohne Essen das geben, was sie zum Leben brauchen (Matthäus 5, 2 ff).
So steht sie in der Bibel, die Sache mit dem Glück! Ich freue mich, dass es da um ganz alltägliche Dinge geht, um Hilfen für einen guten Weg, um Kraft, um Frieden, auch um Wohlergehen.
Und ich freue mich, dass dahinter noch etwas anderes liegt: ein Glück in der Tiefe, das mehr ist als das Glück des Augenblicks! Glücklich ist, wer sich auf Gott verlässt und ihm treu ist. Da ist die Zukunft offen, auch wenn die Gegenwart verstellt ist. Da ist fester Boden, auch wenn drum herum alles wackelt.
Hartmut Bärend, aus: Contrapunkt 4/97