Leseprobe Februar 2003


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Verstrickt in die Schwierigkeiten anderer

Co-Abhängigkeit in der Familie

Zunächst ist jedes Kind abhängig von den Eltern. Gerade Eltern sollten darauf achten, ihre Kinder loszulassen. Überfütterung und ständiges Beschützenwollen machen unfrei und abhängig. Überfürsorgliches Verhalten hat immer mit Einengung, der Verwöhnung, mit Abhängigkeit zu tun.

Im Allgemeinen spüren es Kinder schnell, wenn ihnen die Herausforderungen des eigenen Lebens abgenommen werden. Häufig reagieren sie mit Aggressivität oder mit Passivität, lehnen sich auf oder resignieren.

Äußerst problematisch ist es, wenn Kinder als Partnerersatz herhalten müssen. Besonders ist das in der Mutter-Sohn-Beziehung der Fall; dabei ist die Grenze zum Missbrauch schnell erreicht. Ein nicht geringer Prozentsatz der Hilfesuchenden hat solche Missbrauchserfahrungen. Hinter einer aufopfernden Überfürsorglichkeit steht oft eine narzisstische Leere.

Ein Kind kann diese Leere verwischen und wird auch als Erwachsener Kind bleiben, ja, es darf nicht erwachsen werden. Schon in den ersten beiden Lebensjahren (Individualphase), in der es in der Entwicklung des Kindes eigentlich um Loslösung von den Eltern und vor allem der Mutter geht, kommt es zu Fehlentwicklungen, die entscheidenden Einfluss auf die spätere Krankheit haben.

Beispiel: Ein Mann, 44 Jahre alt, seit über 20 Jahren alkoholabhängig. Dritte Therapie, Vater verstorben. Die Mutter ist 74 Jahre alt, co-abhängig. Der Patient wohnt im Nachbarhaus der Mutter, war zwei Jahre verheiratet, ist geschieden.

Die Mutter versorgt ihn, kocht, wäscht und verwaltet sein Konto, bezahlt die Miete und so weiter. Der Patient wollte sich verändern und wandte sich an seine Schwester, die ebenfalls alles für ihn übernahm, was die Mutter vorher getan hatte.

Die Mutter reagierte darauf mit Suizidabsichten: "Wenn ich für meinen Sohn nicht mehr sorgen darf, dann nehme ich mir das Leben!"

Schmerzlicher Prozess

Oft ist es ein langwieriger und schmerzlicher Prozess, wenn sich Menschen mit mehreren Therapieversuchen aus der so genannten symbiotischen Verstrickung (Co-Abhängigkeit) lösen wollen. Häufig wehren sich die co-abhängigen Mütter noch vehementer als die Patienten gegen eine Veränderung und lehnen es ab, im Therapieprozess mitzuwirken. Eine Auflösung der symbiotischen Verstrickung ist oft nur mit radikalen Schritten möglich. Zum Beispiel: Wohnungs- und Ortswechsel, Kontaktsperre und anderes.

Co-Abhängigkeit kann sich bis ins Unerträgliche steigern: Oft werden sehr unangenehme Arbeiten erledigt, die für Alkoholikerbeziehungen aber ganz alltäglich sind: Die Toilette ist über Gebühr verdreckt, ebenso die Unterwäsche.

Erbrochenes beseitigt man schnell, damit die Kinder nicht beeinträchtigt werden. Man gibt Geld, bezahlt Fahrkarten und Kleidung, weil diese Dinge sofort benötigt werden. Man ist bereit, mehr zu arbeiten, damit das Geld reicht.

Vielleicht muss man allein die Familie ernähren und macht die Hausarbeit noch dazu. Man besorgt und bezahlt den Rechtsanwalt, um den Führerschein zurückzubekommen, den der Alkoholkranke wegen Trunkenheit am Steuer verloren hat.

Bei jugendlichen Suchtkranken erzählen die Eltern oft halbwahre Geschichten, vermeiden das Jugendamt solange es geht, und nehmen die Jugendlichen notfalls von der Schule, damit sie an einer anderen Schule neu anfangen können.

Vielfach erscheint das Verhalten der Eltern Außenstehenden unverständlich. Auch die Eltern reagieren auf das Verhalten und die Drohungen der abhängigen Jugendlichen. Häufig werden sie von den suchtkranken Jugendlichen völlig beeinflusst und gesteuert. Dabei versuchen gerade Eltern von Abhängigen alles, um ihre Kinder auf den normalen Weg zu bringen.

Krise als Chance

Jeder, der in co-abhängiger Weise verstrickt ist, sollte sich klar machen, dass er ein Problem hat. Dann kann er besser damit umgehen.

Jemand, der sich co-abhängig verhält, investiert unendlich viel Energie. Fängt er aber an, für sich selbst zu sorgen, gerät das ganze System in eine Krise. Diese Krise kann zur Wende werden.

Wenn man aus einer Abhängigkeit heraus will, geht es nicht ohne Nein sagen und ohne Trennung. Nur so kann Abhängigkeit überwunden werden. Nur wenn man atmen kann, kann man wieder leben.

Sehr schön ist es, wenn es gelingt, zum Beispiel in einer Partnerschaft, dass jeder für sich mehr Freiraum und Selbstständigkeit erhält. Manchmal kann diese Entwicklung nur in einer (vorübergehenden) Trennung der Lebensgemeinschaft vollzogen werden.

Sich trennen oder bleiben ist immer eine äußerst schwierige Frage. Es gibt kein einfaches Ja oder Nein, beides kann richtig sein. Wenn Betroffene aufgeben und eine räumliche Trennung suchen, ist die eigene Schmerzgrenze meist schon weit überschritten. Oft sind sie an einem Punkt angelangt, an dem sie sich zwischen dem eigenen Leben und dem des Trinkenden entscheiden müssen. Sie sind am Ende ihrer Kräfte. An einer solchen Stelle geht es nur noch ums Überleben. Den Alkoholkranken vor die Tür zu setzen oder selbst auszuziehen, wird dann plötzlich zur einzigen Alternative.

Wenn man sich aber nach langem Überlegen und Erleiden zu diesem Schritt der Trennung entschlossen hat, sollte man jeden, der einem Schuldgefühle einflößen will, vor die Tür setzen oder Hilfe beim Seelsorger holen. In der Praxis erleben wir es immer wieder: Erst wenn der oder die Co-Abhängige für sich selbst etwas tut, ändert sich etwas.

Kurt Wegenast

 

Fragen zum Schwerpunktthema dieser Ausgabe "Angehörige von Suchtkranken":

  1. Woran können Sie Co-Abhängigkeit erkennen?
  2. Wie und wo haben Sie Co-Abhängigkeit erfahren?
  3. Wie können Sie Co-Abhängigen helfen?


Verhaltensweisen und Eigenschaften, die man bei Co-Abhängigen beobachten kann:

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