Leseprobe Januar 2003


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Mit Gottes Augen sehen

Mutmachende Sicht auf uns und unsere Umwelt

"Meine Güte, wenn der in den Himmel kommt, dann muss ich ihn eine Ewigkeit ertragen", stöhnt so mancher über den für ihn ungenießbaren Mitmenschen.

Natürlich wird im Himmel unser Erleben anders sein. Aber trotzdem kommen wir manchmal auf solche Gedanken bei den Menschen, die uns das Leben schwer machen. Dann scheinen uns Gottes barmherzige und gnädige Maßstäbe unbegreiflich.

Merkwürdig, wen Gott in seine Familie einlädt – die Ungerechten, die Selbstgerechten, Menschen, die in ihrem Reichtum nichts anderes zu verschenken haben als ihre Bedürftigkeit, Menschen ohne inneres und äußeres Zuhause, die sich als wahre Kletten entpuppen …

Würden wir die uns unangenehmen Zeitgenossen dauerhaft in unserer Nähe zulassen wollen, sie in Ewigkeit lieben und ihnen zur Seite stehen? Mit Sicherheit nicht. Wir sind doch menschlich. Gott ist anders. Gott sei Dank, dass er uns nicht die Wahl lässt.

Der Stein des Anstoßes

"Diese ungerechte Person, die meint, immer Recht haben zu müssen! Wie kann ein Christ sich so verhalten?" Wir haben oft Grund zum Klagen und auch Grund, Steine zu werfen auf andere. Aber seit der Geschichte mit Jesus hat sich der Grund verändert.

Da steht doch die angeklagte Ehebrecherin inmitten des Kreises ihrer Ankläger. Obwohl das jüdische Gesetz gegen sie steht, wird sie von Jesus nicht verurteilt. Welch eine Provokation für die Gerechten, als Jesus sie auffordert: "Wer von euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein" (Johannes 8, 7).

Niemand konnte einen Stein werfen. Jeder von ihnen wusste, dass er kein Recht dazu hat, denn vor Gott ist die Sünde gleich. Wie stehen sie da – in ihrem kurzen Hemd, gestrickt aus ihrer Gerechtigkeit. Sie verlassen den Stand des Klägers – jedenfalls äußerlich.

Schwer, mit den Augen Gottes zu sehen, die nichts mit unserer Gerechtigkeit zu tun haben. Gott sieht uns durch den gekreuzigten Jesus.

Mag sein, dass wir uns nach wie vor verurteilen, dass uns unsere Schuldgefühle anklagen, weil wir an anderen schuldig geworden sind. Für unsere Schuld ist Jesus gestorben; für unsere Gefühle sind wir selbst zuständig.

Gott hat uns längst aus dem Kreis der Ankläger gezogen; wir haben weder das Recht uns selbst zu verklagen noch einen anderen.

Mit Gottes Augen sehen lernen

Gott liebt uns bedingungslos. Er will uns nicht nur in unserer Nähe haben – er will uns nahe sein. Er hat dem Menschen einen unendlich hohen Wert zugeschrieben. Jeder von uns ist "einen Jesus wert". – Unvorstellbar für unsere bedürftige Seele, die sich noch allzu oft nach der Wertschätzung einer für sie wichtigen Person sehnt, um sich geachtet und geliebt zu fühlen.

Bleibt die Wertschätzung aus und/oder werden wir zutiefst in unserer Seele verletzt, dann begegnen wir jenem Schmerz, der entstanden ist aus den tiefen Verletzungen früher Kindertage. Derjenige, der an uns schuldig wird, hat so versagt wie Vater oder Mutter in unserem Leben.

Er hat unser Bedürfnis weder erkannt noch beantwortet. Wir kreisen um die Wunden, wehren uns gegen den Schmerz mit Empörung. Und es scheinen doch immer wieder die gleichen Steine zu sein, die uns treffen und die gleichen, mit denen wir zurückwerfen. Steine, die keine Heilung bringen, die den anderen nicht verändern, damit er fähiger wird, mit unseren lebenswichtigen Bedürfnissen umzugehen.

Schmerzhaftes Reifen

Dabei brauchen wir diese Wahrheit, um uns zu verstehen und die Welt, in der wir leben. Lassen wir den Schmerz zu, damit die Wunden heilen können. Bleiben wir in unserer Anklage stecken, sind wir gefangen wie ein Suchtkranker, der an seinen Peiniger gebunden ist. Frei wird er durch die Kapitulation: "Ja, ich kann mich nicht vor Enttäuschungen schützen. Ich kann das Verhalten eines Menschen nicht verändern, dass er das tut, was ich mir von ihm wünsche."

Wenn er dann noch anfängt, sich mit der Frage zu beschäftigen, was ihn in ähnlich gestrickten Auseinandersetzungen verletzt hat und was er beiträgt, um in diese Situationen hineinzugeraten, ist er dicht auf seinen Spuren.

Immer wieder müssen wir uns unseren Sehnsüchten und Wünschen stellen. Dabei stellen wir schmerzhaft fest, dass Menschen meist unseren Mangel nicht ausgleichen können oder wollen, den wir in unserer Kindheit erlitten haben. Der Prozess des Reifens und Loslassen-Könnens kann Jahre dauern.

Illusion oder Vision

Wir brauchen Gott, dass er unsere Blickrichtung ändert. Nehmen wir Gottes Liebesgebot ernst, können wir ihn und uns befreien von dem Joch der Erwartungen, das wir auf andere gelegt haben.

Den anderen zu lieben kann dann heißen, ihm so zu begegnen, wie wir es selbst wünschen, lieben in der Abhängigkeit Gottes, unabhängig von dem, der vor mir steht.

Trotzdem nehmen wir unseren Schmerz wahr, den Mangel, der in dieser Beziehung liegt. Wir nehmen ihn wahr und können uns doch entscheiden, uns nicht von unseren enttäuschten Gefühlen bestimmen zu lassen.

Eine Illusion? – Nein, eine Vision, die Gott in uns hineingelegt hat, die nur mit Christus in uns verwirklicht werden kann in dem Tempo, das Gott für richtig hält.

Lydia Benn

 

Fragen zum Schwerpunktthema dieser Ausgabe "Mit Gottes Augen sehen":

  1. Was mögen Sie bei anderen Menschen besonders nicht?
  2. Sehen Sie sich mehr positiv oder negativ?
  3. Wo hat sich Ihre Sicht von bestimmten Menschen geändert, nachdem Sie sie besser kennen gelernt haben?
  4. Wie sehen Sie Gott?

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